Die Geschichte unserer Verbindung und ihrer Stammkorporationen

Die Gründungsphase

Die "goldenen" Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die Verbindungen und die Kameradschaft in der NS-Zeit

Die politische Situation im Jahre 1894

Ein Rückblick auf das Gründungsjahr unserer Verbindung

Lothar Schäfer v. Schluck

Wir feiern den 100. Geburtstag unserer Verbindung, wir blicken zurück auf 100 Jahre ATV Gothia-Suevia. Was geschah damals vor 100 Jahren in Deutschland, in welche politische Konflikte war das Deutsche Reich damals verwickelt? Ich will diese Zeit durch Hinweise auf einige wenige typische Ereignisse charakterisieren.

Bestimmt wurde die deutsche Politik des Jahres 1894 durch drei unübersehbare Akzente: der zunehmende Nationalismus, damit eng verbunden der deutsche Imperialismus, und schließlich die Versuche, die Sozialdemokratie zu diskreditieren bzw. sie in ihren politischen Aktivitäten erheblich einzuschränken.

Deutsche nationalistische Politik im Jahre 1894 wird durch die Gründung des Alldeutschen Verbandes am 1. Juli dokumentiert. Dieser Verband vereinte Nationalismus mit völkischen und imperialistischen Zielsetzungen. Er hatte bis zu 40.000 Mitglieder; aufgelöst wurde er erst im Jahre 1939. Weiter gehört zu dieser Politik die Gründung des Deutschen Ostmarkenvereins, der für die Ansiedlung deutscher Bürger in den polnisch besiedelten Gebieten an der Ostgrenze eintrat.

Kolonialpolitisch tritt das Deutsche Reich im Jahr 1894 in Kamerun auf: Nach einer Strafexpedition gegen die Bakweri wird Buea am Kamerunberg angelegt und fungiert von 1901 bis 1909 als Hauptstadt (sonst Duala). Zu dieser Zeit beginnen deutsche Siedler in Kamerun mit der Plantagenwirtschaft.

Innenpolitisch ist das Jahr 1894 von der Auseinandersetzung zwischen den konservativen Kräften und der Sozialdemokratie geprägt. Vor diesem Hintergrund ist der Wechsel im Kanzleramt zu sehen: Leo Graf Caprivi, der Nachfolger Bismarcks, wird am 20. Oktober entlassen, und der liberalere Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst wird in dieses Amt berufen (er wurde auch preußischer Ministerpräsident).

Im Dezember beginnt ein verschärfter Kampf gegen die Sozialdemokratie, die "Umsturzpartei". Die Regierung legt die sogenannte "Umsturzvorlage" den politischen Parteien zur Diskussion vor, nach der die Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen, Aufreizung zum Klassenhaß, öffentliche Angriffe auf Ehe, Familie und Eigentum und die Verächtlichmachung des Staates und dessen Organe mit härteren Strafen als bisher bedroht werden.

Drei weltpolitisch bedeutsame Daten runden die Geschichte des Jahres 1894 ab:

Manche dieser geschichtlichen Ereignisse mögen längst in Vergessenheit geraten sein, aber sie sind für die weitere Entwicklung in Europa und in der Welt nicht ohne Bedeutung geblieben. Wenn wir uns in diesen Tagen unseres 100. Stiftungsfestes an diese uns fern erscheinenden Zeiten zurückerinnern, können wir Verbindungsbrüder mit Freude und Genugtuung den 100. Geburtstag unserer Verbindung feiern, deren Grundgedanken sich über diese 100 Jahre erhalten und weiter entwickelt haben. Sie haben die bewegten historischen Zeiten überdauert und erweisen sich auch in unserer heutigen Zeit immer wieder neu als gültig.

Der Badebetrieb im Rhein im ausgehenden 19. Jahrhundert

Erinnerungen eines ungenannten Bonners

Aus dem Stadtarchiv, Zeitungssammlung (10.8.1933):

"Wenn ich jetzt in den warmen Tagen meinen täglichen Spaziergang durch die Bonner Rheinpromenade nach der Gronau zu nehme und die endlose Kette der Badelustigen an mir vorüberziehen lasse, dann denke ich unwillkürlich an meine Jugendzeit zurück und an die Badeverhältnisse im alten Bonn. Dort, wo heute das Bootshaus der Gothen liegt, befand sich früher die städtische Badeanstalt Busch, wo der "Busche Wellem", wie er allgemein bekannt war, sein Regiment führte. Die ganze Badeanstalt, die für die damaligen Verhältnisse etwas besonderes darstellte, bestand aus einem kleinen Holzhaus, in dem einige Auskleidezellen und ein Geräteraum eingerichtet war und einigen Balken, die im Wasser die Nichtschwimmergrenze markierten. Nicht zu vergessen ein Sprungbrett, das auf dem Boden liegend, weit in den Rhein hinausragte.

Wer 20 Pfennig zahlte, kam sich als Krösus vor, denn er durfte sich in der Zelle an- und auskleiden, und wer gar 5 Mark für ein Abonnement auftreiben konnte, durfte während der ganzen Saison mit Zellbenutzung baden und bekam obendrein noch Schwimmunterricht erteilt. Wer sich im Sand auskleidete, durfte das Schwimmbad kostenlos besuchen.

Auch war das zweimalige Badengehen an einem Tag bei Busch streng verpönt. Wagten es einige Wasserratten, die sich schon am Morgen in der Flut getummelt hatten, nachmittags wieder zu erscheinen, dann schwang der Wellem sein Riedstöckchen und jagte die kleine Bande nach Hause.

Hatten wir Jungens aber einmal das Vertrauen des Bademeisters errungen, hatten wir durch Dauerschwimmen und sonstige Künste das Herz des beliebten Bademeisters gewonnen, dann gestattete er uns guten Schwimmern gerne, daß wir vom Trajekt aus bis zur Badeanstalt herunter oder gar bis nach Beuel und später zurückschwammen. ..."

Erste Bemühungen zur Gründung eines A.T.V. in Bonn

Ein Aufruf im "Nachrichtenblatt für den Akademischen Turnbund" vom 15. Mai 1889

"In der vorigen Nummer des Nachrichtenblatts ist von Cuno darauf hingewiesen worden, daß die Aussichten für die Gründung eines A.T.V. in Bonn nicht ungünstig sind. Daß diese Ansicht von den in Bonn studierenden Mitgliedern des A.T.B. geteilt wird, beweist ein Schreiben, welches noch am Schluß des vorherigen Semesters von diesen den Vereinen zugesandt wurde. Darin sagen dieselben, daß sie auf Grund eingehender Erkundigungen und in Anbetracht außerordentlich günstiger Verhältnisse den Zeitpunkt für die Gründung eines A.T.V. unserer Richtung in Bonn nicht nur für gekommen, sondern eine solche Gründung auch für notwendig halten, da das Bedürfnis hierfür immer mehr geltend mache. Das Schreiben gipfelte in der Bitte an die Mitglieder des A.T.B., in diesem Semester nach Bonn überzusiedeln und an der Gründung sich zu beteiligen. Leider ist dasselbe den Vereinen zu spät zugegangen, als daß es zur Kenntnis aller Mitglieder hätte kommen können und deren Entschlüsse hätte beeinflussen können; auch eine Veröffentlichung im Nachrichtenblatt war nicht mehr möglich. So ist es gekommen, daß in diesem Semester kein Mitglied des A.T.B. nach Bonn übergesiedelt ist. Da die 5 daselbst studierenden Bundesbrüder meist in höheren Semestern stehen, so werden dieselben sich vorläufig darauf beschränken müssen, eine akademische Turnriege im Bonner Turnverein ins Leben zu rufen, aus der sich der Verein dann entwickeln könnte. Daß sie von Seiten des Bonner Turnvereins großes Entgegenkommen zu erwarten haben, beweist ein Brief von dem Turnwart desselben, Herrn Oberturnlehrer Schroeder, dem wir Folgendes entnehmen:

"Wir würden uns freuen, wenn der Wunsch, der in dem angezogenen Artikel angesprochen ist, in Erfüllung ginge, wenn sich hier ein freier akademischer Turnverein bildete. Noch mehr würden wir uns freuen, wenn dieser Turnverein, wie es in Leipzig der Fall ist, sich uns anschlösse; wir würden den Herren soviel Entgegenkommen zeigen wie möglich und jeden berechtigten Wunsch gerne erfüllen. Dieser akademische Verein im bürgerlichen könnte unter der Leitung seiner eigenen Leute turnen und ein Mitglied desselben würde uns als Vorstandsmitglied willkommen sein. Daß eine Einrichtung, auf diese Weise getroffen, auch Vorteile bietet, liegt auf der Hand. Die akademischen Turner treten nach der langen Ferienzeit sofort in einen lebensfähigen Turnverein, der viele turnerische Anregungen bietet.,,

Auf denn, liebe Bundesbrüder, rüstig ans Werk! Ergreift die Euch dargebotene Gelegenheit! Herr Oberturnlehrer Schroeder ist gern bereit, zur weiteren Verständigung mit Euch Rücksprache zu nehmen.

Loose

Zur Gründung unserer Stammkorporationen

zusammengestellt von Reinhard Ganten v. Lila

Die ATV Gothia

Aus Anlaß des 40. Geburtstages der ATV Gothia ist als "Festschrift,, eine Darstellung der 40-jährigen Geschichte der ATV Gothia veröffentlicht worden. Autoren waren die AH Nauhaus und der Aktive Hillesheim, unter Mithilfe von AHAH Grüne und Flaccus. Die sehr lebhaften und interessanten Berichte der Zeitgenossen geben wir (ausschnittsweise) wörtlich wieder:

"Fuhren da zu Beginn des SS 93 zwei Muli nach dem schönen Rhein, Otto Meerbach aus Langensalza/Tür. und Max Nauhaus aus Nordhausen. Während ihres praktischen Jahres, das sie als Landmesserzöglinge gemeinsam in Nordhausen ableisteten, hatten sie einen großen Teil ihrer Mußestunden der zehnten Muse Caissa gewidmet und besonders im Schachclub zu Nordhausen manche heiße Schlacht auf den 64 Feldern ausgekämpft. Und so groß war ihr Interesse für das königliche Spiel, daß sie sich sagten: "Entweder besteht in Bonn ein akademischer Schachverein oder wir gründen einen."

Bald war in Bonn die Feststellung gemacht, daß sich an der alma mater kein akademischer Schachverein befand. Zielbewußt ging es daher an die Arbeit, einen zu gründen. So einfach wie gedacht war diese Aufgabe jedoch nicht, insbesondere für zwei junge Füchslein, die vom akademischen Leben und insbesondere vom Verbindungsleben keine Ahnung hatten.

Zunächst galt es, für die Idee zu werben und alles, was für das edle Spiel Interesse zeigte, in einem zwanglosen Zirkel zu vereinen, und so entwickelte sich ... bald ein reges Schachleben. Am 11. Mai 1894 wurde der akademische Schachklub gegründet und die Satzungen der Universität eingereicht. Schwarz-Weiß-Grün wehte das Banner, das uns hinfort vereinigen sollte. Die Fuchsenfarben waren Weiß-Schwarz-Weiß. Unser Wahlspruch dem Charakter des königlichen Spiels entsprechend: "Erst wägen, dann wagen".

Verhältnismäßig stattlich war die Zahl der Gründer, nämlich die Burschen: Balzer-Molch, Bentzen-Spund, Hühner-Frosch, Meerbach-Schmuß, Nauhaus-Nauke, Schönberger-Bummel, während Baldamus-Unke, Beitlich, Hoche, Keßler, Nagel-Spinne, Ochs-Abs, Pichelt, Sinning, Sauer, Tenius-Kerlchen, Ziehm und Zogbaum-Achill den Fuchsenstall zierten.

Der Vorstand bestand aus vier Chargierten: ... Chargiert wurde in sogenanntem Halbwichs: Frackzwang, Schärpe, Stulphandschuh, Schläger, Barett und Fahne. Der ASC Caissa stand von vornherein auf dem Standpunkt der unbedingten Satisfaktion. Die erste Contrahage wurde von Nauhaus gegen einen Salier zu Beginn des WS 94/95 ausgefochten. Da wir keine eigenen Waffen führten, mußte Nauhaus bei der ATV Markomannia belegen. ...

Das Gründungsjahr der Caissa fand einen erhebenden Abschluß mit der Huldigungsfahrt der Deutschen Studentenschaft nach Friedrichsruh zu Ehren des 80. Geburtstags des Fürsten Bismarck. Baldamus, Binde, Nagel und Nauhaus nahmen an der Feier teil. Unvergeßlich bleibt der Augenblick, wo Bismarck auf der Schloßterrasse stehend, seinen zündenden Worten mit einem "Ganzen" auf das Wohl der akademischen Jugend schloß, und wir tausende, ehrfurchterschauernd, bei gezogenen Schlägern und wehenden Fahnen das Festlied anstimmten: "Hoch Sturmesflügel rauschen".

Im SS. 96 übergab AM Tenius der Korporation das von ihm gedichtete Farbenlied: "Den Farben, die ich wählte mir ...", welches noch heute unser Herz höher schlagen läßt.

Am 12. Januar 97 wurde an Stelle des bisherigen Halbwichses Vollwichs beschafft: Schwarze Pekesche mit weiß-grünen Schnüren, jedoch mit Baretts. ...

Unterdessen war die Zahl der AHAH derart gestiegen, daß zur Gründung eines AH-Verbandes geschritten werden konnte. Die Anregung ging von AH Tenius aus. Am 16. September 97 tagte der erste AH-Tag in Kassel, auf welchem Nauhaus zum Vorsitzenden gewählt wurde, ...

Große Schwierigkeiten bot dauernd die Lokalfrage. Das erste Spiel- und Kneiplokal war das Hotel "Zu den vier Winden,,, doch bereits im WS 94/95 wurde nach dem Hotel "Zum Kronprinz,' am Bahnhofsplatz übergesiedelt. Nachdem die Caissen vorübergehend bei Segschneider in der Bonngasse gespielt und gekneipt hatten, dann im "Vater Arndt,,, dann bei Bellinghausen auf dem Arndtplatz, konnten sie endlich im SS 99 im "Vater Arndt,, ein Heim für längere Zeit finden.

Mancher mochte wohl die Bezeichnung "Schachklub,, als zu philisterhaft empfunden haben. Nachdem nun im Laufe der Jahre der Korporationsgedanke sich immer mehr durchgesetzt hatte, wurde im WS 98/99 dem Rechnung getragen und der Name "Schachklub" in "Schachverein" umgewandelt. Der Bestand der Caissa schien auf absehbare Zeit gesichert. Stolz schwellte die Brust der anwesenden Gründer.

Da, im September desselben Jahres durchschwirrten unkontrollierbare Gerüchte die AHschaft. Ein entsetzter Brief des AH-Schriftführers traf beim AH-Vorsitzenden ein. Die "Caissa,' existiert nicht mehr, sie ist in eine Turnverbindung umgewandelt! - Was war geschehen? ...

Einer nach dem anderen der stärkeren Spieler verließ die Musenstadt , und schließlich war fast kein stärkerer Schachspieler unter den Aktiven, der die Schachjünger heranbilden konnte, um so für den nötigen Nachwuchs zu sorgen.

Da war es im Sommersemester 1899 das Verdienst des damaligen "Ersten,' Flaccus, diese Gefahr rechtzeitig zu erkennen und zu bannen. Mit Semesterschluß wurde die Umwandlung des A.S.V. "Caissa,' in die A.T.V. "Gothia" beschlossen; der Wahlspruch "Erst wägen, dann wagen,' wurde mit dem der akademischen Jugend mehr zusagenden "Mens sana in corpore sano" vertauscht.

Freilich: der AH-Verband war bei der Umwandlung nicht befragt worden. Wie bei jeder Revolution, so sollte wohl auch hier erst die vollendete Tatsache geschaffen werden. Auf die erste Nachricht von der vollzogenen Umwandlung hin wurde eiligst ein a.o. AH-Tag ... berufen. ... Erst auf dem im nächsten Jahr wiederum nach Kassel einberufenen ordentlichen AH-Tag wurde einstimmig der Antrag ... angenommen, wonach der AH-Verband in Zukunft den Namen "AH-Verband der ATV Gothia Bonn,, führt.

... Die Turnstunden finden zunächst gemeinsam mit dem ATV Suevia, zweimal wöchentlich unter der Leitung des Oberturnlehrers Schröder statt. ... Die weitere turnerische Ausbildung verdanken wir in erster Linie dem Herrn Oberturnlehrer Schröder, die vielfachen weiteren Erfolge, die wir im Laufe der Zeit errungen haben, sind sein Werk. Zum Stiftungsfest 1901 wurde ihm daher die höchste Auszeichnung, die wir zu vergeben haben, zu teil, er wurde zum E.M. ernannt.

... Turnverbindung am schönen Rhein, und nicht rudern: Ausgeschlossen! - Kaum war die Umwandlung der "Caissa,, in die "Gothia" vollzogen, als sich auch der Wunsch regte, eine Ruderriege zu gründen, doch zu groß war zunächst noch die finanzielle Belastung durch die Umwandlung, auch mußte die junge "Gothia" ihr ganzes Bestreben darauf richten, eine tüchtige ATV zu werden. Aber was uns allein nicht möglich war, das mußte im Verein mit den befreundeten Schwaben gelingen. Und so traten am 6. Dezember 1899 fast sämtliche Aktive und Inaktive ... der kurz vorher ins Leben gerufenen Ruderriege der Schwaben bei. Im Sommersemester 1900 konnte mit dem Rudern begonnen werden, nachdem das Bootshaus der Schwaben gelegentlich ihres Stiftungsfestes eingeweiht worden war.

... Sommersemester 1902 ändert sich die Sache mit einem Schlage. Nach langwierigen Verhandlungen glückt es, vom Bonner Ruderklub 1882 das Bootshaus auf dem Rhein mit dem gesamten Bootsmaterial zu erwerben. Am 15.Juni befindet sich die Ruderriege im Besitze des Bootshauses mit neun Booten. ... Mit der Zeit machten sich jedoch die Mängel des recht alten Bootshauses immer fühlbarer. Das Verlangen nach einem festen Bootshaus auf der Rheinwerft, verbunden mit einem Kneipzimmer wurde immer größer. Auf dem AH-Tage in Hannover am 1. August 1909 wurde einstimmig der Beschluß gefaßt ... So war denn das Bootshaus vollendet und zum Stiftungsfest am 4. Juni 1910 konnte der Vorsitzende des AH-Verbandes ... es der Aktivitas feierlich übergeben.

... Das Ansehen der Korporation in der Bonner Bürgerschaft wurde durch das Haus wesentlich gefördert. Die Lage des Hauses ist einzig schön. Wer denkt nicht gern zurück an die Stunden, wenn er, in einem der vorspringenden Erker sitzend, seine Blicke schweifen ließ über den deutschen Rhein, links über die stolze Rheinbrücke und rechts über das sagenumwobene Siebengebirge? - Dauernd wird der Blick belebt durch die stromauf und -ab dahinziehenden Schiffe. Es ist ein Heim, in welchem sich die jungen Gothen wohl fühlen und Kräfte sammeln können zu ernstem Studium, zu innerer Erbauung und nicht zuletzt zu körperlicher Ertüchtigung.

... Nun sollte man meinen: bis zum Eintritt in den ATB sei nur noch ein kleiner Schritt. Weit gefehlt. Bis dahin sollte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Verhandlungen zerschlugen sich zunächst, wohl hauptsächlich deshalb, weil der ATB das Maturitätsprinzip hatte und man glaubte, die Verantwortung für die Einführung desselben nicht übernehmen zu können. ... Der Gedanke eines Eintritts in den ATB wurde nun hauptsächlich vom AH-Verband weiter verfolgt und zunächst beschlossen, das Maturitätsprinzip einzuführen ... bis endlich die "Gothia", am 27. Juli 1911 auf dem ATB-Tage in Breslau als "Renoncekorporation", aufgenommen wurde und nach Ablauf der einjährigen Renoncezeit endgültig. Die Führung eigener leichter Waffen, die an sich gegen die Bundessatzung verstößt, wurde ihr dabei ausdrücklich genehmigt.

Aber noch war das Grundprinzip des ATB, das Nichtfarbentragen, nicht in aller Herzen verwurzelt. Von Anfang an waren Couleurbestrebungen vorhanden gewesen. Die Anträge, Mütze und Band wenigstens auf der Kneipe zu tragen, tauchten in regelmäßigen Abständen immer wieder im B.C. auf und wurden immer wieder abgelehnt. Auch im ATB tobten Anfang der 20er Jahre dieselben Kämpfe. ... Da, im Wintersemester 1924/1925 unternahmen die Anhänger der Couleur einen letzten, gewaltigen Vorstoß. Eine große Anzahl von AHAH stellte einen Antrag auf Einführung von Couleur und Anschluß an einen farbentragenden Verband (V.C.) und verlangten satzungsgemäß die Einberufung eines a.o. AH-Tages. Dieser stieg am 8. März 1925 in Köln unter großer Beteiligung. 48 AHAH waren zu diesem Entscheidungskampf angetreten. Heiß war der Tag und blutig die Schlacht. ... Die Anhänger der Couleur vertraten einmal den Standpunkt "denn die bunten Mützen sind für junge Leute,,, zum anderen meinten sie, daß sich sonst die "Gothia,, im Konkurrenzkampf mit den farbentragenden Verbindungen nicht halten könne. Immer heißer tobte die Schlacht; schon drohte der Bruch, da gelang es Grüne (Ohm) und Grube (Knuffi), die Katastrophe zu verhindern. Der Antrag fiel durch und diesmal endgültig.

... Zu Beginn des Sommersemesters 1923 war in der Korporation ein sehr geringer Mitgliederstand. Vier aktive Burschen und vier Füchse waren der ganze Bestand; dazu kamen acht Inaktive, die wegen Examensdispens für den geregelten Korporationsbetrieb nicht mehr in Betracht kamen. ... Immer kritischer wurde es um den Bestand der Korporation, immer mehr sank die Existenzmöglichkeit unserer lieben Gothia, bedingt durch die äußerst traurigen wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse, so daß man sich Ende Wintersemester 1922/1923 stark mit dem Gedanken der Schließung der Korporation trug. Aber auch diesmal waren es wieder unsere lieben Alten Herren, die durch eine großzügige Beihilfe über die Krise hinweghalfen und den Fortbestand der Verbindung sicherten. ...

Januar 1926: Bonn ist wieder frei!

Das war ein Feiern in unserer schönen Musenstadt, als die Besatzungstruppen abgezogen waren. Jetzt geht's auch wieder mit der Korporation aufwärts! Der Zustrom zu der Universität und der Hochschule wird wieder stärker werden und die Gothia wird somit wieder emporblühen. Die Krise ist überwunden. So dachten damals unsere Verbindungsbrüder. Irrtum!!! Die leidige Couleurfrage nahm alle so in Anspruch, daß der Keilbetrieb vernachlässigt wurde. ... So wurde ein Generalkonvent am 11. Februar einberufen, auf dem die Suspension der Korporation beschlossen werden sollte. Die auf dem Konvent anwesenden Burschen kämpften mit aller Macht dagegen. Es wurde beschlossen, noch einmal zu versuchen, so die Gothia wieder hoch zu bringen. ... Man faßte den Beschluß, sich engstens an den Bund anzuschließen und ihn um Unterstützung zu bitten.

Und richtig, der Erfolg blieb nicht aus. Es kamen zum Sommersemester auf Betreiben des ATB fünf Bundesbrüder nach Bonn, um den während der Besatzung dem ATB verlorenen Boden wiederzugewinnen. Unter ihnen war Hans Erhard Bock, der bereits im neunten ATB- und Studiensemester stand, in der ATV Marburg, Germania München und Gothia Jena aktiv gewesen war und gleich das Amt des Erstchargierten übernahm. Ihm und allen anderen Verbindungsbrüdern war es klar, jetzt war der Augenblick gekommen, den Neubau zu beginnen, und jetzt oder nie würde die Korporation wieder zu dem werden können, was sie ehedem unter den Bonner Korporationen gewesen war. Und aus dieser Einsicht erklärt sich der Erfolg des Semesters, das bei zielsicherer Sammlung aller Kräfte ein Aufwärtsschreiten der Gothia bedeutet hat. Verbindungsbruder Bock sorgte in der Korporation für straffste Disziplin nach außen und besonders im inneren Zusammenleben. Sogar Alte Herren und AMAM erschienen häufig auf dem Plan, um an Rudern, Turnen oder Konventen teilzunehmen. Die äußeren Bedingungen für eine positive Semesterarbeit waren also vollauf gegeben, und so ist es kein Wunder, daß die Gothia am Semesterende mit einer Aktivitas von 25 Gothen unter den Bonner schwarzen Korporationen vorteilhaft dastand.

Verbindungsbruder Bock hat in diesem Semester unschätzbares an der Korporation geleistet, und wir können ihm nicht genug dafür danken. Mit voller Kraft und ganzer Liebe hat er sich noch ein Semester in den aktiven Betrieb hineingestellt und freudig an der Wiedergeburt unserer lieben ATV Gothia gearbeitet. ...,'

Nach weiteren Berichten über die Jahre 1926 bis 1934, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Umwandlung des Gothenhauses in ein Kameradschaftshaus schließt der Bericht mit:

"Heute ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir beweisen müssen, daß die studentische Korporation ihren Zweck und Sinn nicht verloren hat, daß sie berechtigt ist, auch weiterhin die jungen Leute in ihren Bann zu ziehen, um aus ihnen ganze Kerle zu machen, um ihnen richtigen Kameradschaftsgeist anzuerziehen. Das kann niemand abstreiten, daß gerade in der Korporation das Zusammengehörigkeitsgefühl stärker ist, denn sonstwo.

Deshalb, liebe Verbindungsbrüder und liebe Alte Herren! Laßt uns zusammenstehen vom jüngsten Aktiven bis zum äItesten Alten Herren und laßt uns zusammenarbeiten, um auch im neuen Deutschland unsere Existenzberechtigung zu beweisen.

Meiner lieben Gothia ... ein dreifaches vivat, crescat, floreat! Walter Hillesheim,,

Die ATV Suevia

Von der ATV Suevia liegt leider keine vollständige geschichtliche Darstellung vor. Die Anfänge der ATV Suevia bis zum Jahre 1899 und die Geschichte der (akademischen) Turnbewegung in Bonn sind im "Handbuch des Akademischen Turnvereins "Suevia" zu Bonn von April 1899" dargestellt. Mit der Darstellung der weiteren Geschichte wurde aus Anlaß des 50. Stiftungsfestes begonnen; eine Fortsetzung war geplant, fiel aber den Verhältnissen der Jahre 1944 und 1945 zum Opfer. Ob diese Fortsetzung schon geschrieben war, ließ sich leider nicht feststellen.

Über die Gründung des Akademisch-Musikalischen Vereins Suevia und die spätere Umwandlung des Vereins in einen Akademischen Turnverein berichten die folgenden Auszüge aus dem Handbuch:

Über die ersten Monate der "Suevia" und einige ihrer ersten Mitglieder berichtet Gründungsmitglied Fr. W. Schulze v. Pinnes zum 50. Stiftungsfest im Jahre 1944:

"Am 26.4.1894 "entdeckte,, ich Bonn und den Rhein und war begeistert! ... In der Freizeit durchforschte ich Bonn und Umgebung, bestieg Godesburg, Drachenfels, Petersberg, besuchte Siegburg, Mehlem, Königswinter, wie sich das geziemte, und kam am Schluß dieses strebsamen SS 94, meines ersten Semesters, durch die Vbr. Ahrberg und K. Möller zur Suevia.

Ich machte einige vorbereitende Versammlungen bei "Vater Theis,' und mehrere im "Hähnchen" mit, war bei der Gründung der Suevia am 18.6.94 mit dabei ..., teilte dies nach Hause mit und erhielt meines Vaters Besuch, der meinen Beitritt genehmigte. Am 14.7. stieg in unserem Kneiplokal bei Wallner in der Wilhelmstraße unser "Antrittskommers", dem am nächsten Tage (Sonntag) ein schöner Damenausflug nach Kloster Heisterbach und auf den Petersberg (Pfirsichbowle) folgte. ... Am 25.7. hatten wir Semester-Schlußkneipe. Das Gründungssemester war schön begonnen und fröhlich verlaufen!

Dies wäre nun der normale Verlauf eines Fuchsensemesters und ein nur schwacher Schwank aus dem Leben eines alten Studikers, gedächte man nicht der mehr oder weniger "schwankenden Gestalten", deren Bilder den Betrieb einer Verbindung anschaulich und lebendig machen. ... In den ersten drei Semestern trieben wir Musik, wir hatten große und kleine Künstler, mit und ohne Instrumente; als der musikalische Nachwuchs zu fehlen begann, fingen wir an zu turnen, wurden am 18.12.96, als ich Bonn verließ, offizielle ATV statt des ursprünglichen AMV und kamen zum ATB durch Aufnahmebeschluß vom 10.6.98. Unser 2. AH Herde (Nulpe), der schon im Philisterium stand, war ein Klavierspieler von hohem Grade und ein Mensch mit sehr guten Umgangsformen und gemütvollem Witz und Humor. Er leitete als 1. Vorsitzender des AHV diesen mit großem Geschick; wir verdankten ihm manchen Erfolg. Dann unser 1. Erstchargierter Altenberg (Spitz, Spieles), ein vielseitiger, temperamentvoller Rheinländer und Künstler, spielte meisterhaft Klavier und war ein bedeutender Vortragskünstler, der z.B. aus dem Stegreif durch Gesang und Klavierbegleitung ein Strafprotokoll in eine große "Oper" umwandelte. Kolossale Heiterkeit war seines Lebens Regel. Wir wurden alle von ihm angesteckt. - Unser 2. Chargierter Dahlmann (Spund), ein bierehrlicher Nassauer, war besonders auf den Kneipen eine bedeutende Figur durch seine Beherrschung des Biercomments und seinen Humor. Er stach hervor durch seine kräftigen Männerwitze und Schnadahüpfl und trug deshalb den Biernamen "Gauch I" nach der "schönen" Ballade "Ritter Gauch und Berta". ... Singen konnte er auch sehr schön und ausdrucksvoll. ... Der 3. Chargierte Degenhart (Dachs) war meist stillvergnügt und wirkte im Hintergrunde als eifriger Kassenwart. ... Unser 1. Fuxmajor war Hollnack (Männe). Er kam von der "Norddeutschen Verbindung,, zu uns und war ein ausgezeichneter Vertreter seines Fachs. Durch formgewandtes, gewinnendes Wesen machte er aus den krummsten Füchsen brauchbare Burschen und vermittelte allen vielseitiges Wissen aus dem großen Schatz seiner Kenntnisse. ... Unser Koster (Mops) war nach Altenberg Erster Chargierter. Er kam vom Akad. Ruderclub Rhenus zu uns und brachte sozusagen frische Rheinluft mit. Stets wohlgelaunt, sorgte er vor allen Dingen für die Ausbildung der Bierstimmen und den Wohlklang des Kneipgesanges und eine straffe Zucht innerhalb der Korporation. ... Unser lieber Oskar Katzwinkel (Möppel), ein stets vergnügter, liebenswürdiger Elberfelder, war ein ausgezeichneter Geigenspieler, der z.B. auch in Konzerten in der Beethovenhalle als 2. Geiger mitwirkte. Als Verbindungsbruder war er besonders rührig und genoß allgemeine Sympathie. Auf unseren Stiftungsfesten konnte man ihn häufig quicklebendig begrüßen. ..."

Der ATV Suevia auf dem Kongreß für Volks- und Jugendspiele

Bericht im General-Anzeiger vom 4.7.1898

"Am 2.-4. Juli 1898 tagte in Bonn der 3. Kongreß für Volks- und Jugendspiele in Deutschland. Der ATV Suevia beteiligte sich an den öffentlichen Sitzungen des Kongresses, sowie an den sportlichen Wettkämpfen. Am Festbankett in der Lese nahm der Verein geschlossen teil. Der Vorsitzende cand. med. Bernhard Fischer hielt die Rede auf den Zentralausschuß für Volks- und Jugendspiele und weckte stürmische Begeisterung. "Noch vieler treuer Arbeit wird es bedürfen, bis das Endziel erreicht, daß unser Volk, unsere Jugend die Erholung nicht mehr ausschließlich im Wirtshaus, sondern bei Turnen und Spiel in der freien Natur sucht. Auch uns Studenten wird es noch manche schwere Arbeit kosten, bis die körperlichen Übungen ein Allgemeingut der deutschen akademischen Jugend geworden sind. Manch altes Vorurteil ist da zu bekämpfen, um aus dem Alkohol-Studenten den Turn- und Spielstudenten zu schaffen. Fürchtet man doch sogar, daß damit das alte Juwel der deutschen studentischen Jugend, die überschäumende Lebensfreude schwinden werde. Nichts ist falscher wie das, sie wird höchstens schöner und edler! Dem Ausschuß aber, der aller anfänglichen Anfechtungen ungeachtet, an diesem hohen Ziele arbeitet, winkt als schönster Lohn die rote Wange, das helle Auge des deutschen Knaben, der im Gewühle der Großstadt frühem Siechtum verfiele, kräftigte ihn nicht Spiel und Turnen!".
 
 

Eintragung im ersten Lebensbuch der Gothia

Paul Stichling v. Naso Bonn den 2. Juni 1904 Das kleine Dorf Großrettbach b./Gotha im schönen Thüringerlande nahm Unterfertigten am 20. Oktober 1883 unter seine 250 Einwohner auf. ...

Ostern 1903 verließ ich die Penne, um die Landmesserkarriere einzuschlagen. Da ich mich auf der Penne mächtig für Mathematik interessierte und da das Studium der Mathematik zu teuer und zu aussichtslos ist, riet mir ein Bekannter zu diesem Schritt. Mein Elevenjahr absolvierte ich herrlich und in Freuden beim Hzgl. Vermessungsamt in Gotha. Nachdem mich mein Chef mit Schmerzen scheiden sah, fuhr ich gen Bonn, um hier von Else (Schulz) im Lesezimmer der Akademie zu einer Kandidatenbowle nach Godesberg zum Ännchen eingeladen zu werden. Obwohl ich nun für die Salier von meinem Chef mächtig vorgekeilt war, folgte ich dennoch der freundlichen Einladung von Else, dessen Person auf mich einen ausgezeichneten Eindruck machte. Obwohl ich mächtig voll war, meldete ich mich trotz großer Keilerei noch nicht, da ich mir fest vorgenommen hatte, mich nicht keilen zu lassen, sondern mir die Leute erst näher anzusehen. An diesem Abend - der erste beim Ännchen - mußte ich denn auch gleich mit dem Zimmer No. 8 Bekanntschaft machen. Als ich aber am anderen Morgen aufwachte, da fand sich in demselben Zimmer Else, den das gleiche Schicksal getroffen hatte. Wir stärkten uns erst, fuhren dann nach Bonn, und fanden die Gothen beim Frühschoppen. Und an diesem Tage lernte ich sie alle einander kennen und schätzen, und am Abend war's fest beschlossen!

Ein Blick in ferne Vergangenheit

Betrachtungen von EAH Hans-H. Ganten v. Michel

Es war kein erfreuliches Ereignis, das mir Veranlassung gab, mich etwas eingehender mit einem bestimmten Zeitabschnitt der Geschichte der ATV Suevia zu beschäftigen. Als ich für das letzte Mitteilungsblatt den Nachruf für meinen Leibburschen Fritz Waldschmidt v. Dackel verfaßte, gingen meine Gedanken unwillkürlich zurück in die Zeit seiner Aktivität, und das waren die Jahre gleich nach dem ersten Weltkrieg. Sie interessierten mich aus vielerlei Gründen, und darum habe ich Rückfrage bei Verbindungsbrüdern gehalten, die diese Jahre als Aktive der Suevia noch persönlich miterlebt haben. Erfreulicherweise hatte ich damit Erfolg. So berichtete mir mein Leibgroßvater Hans Hoffmann v. Esau in einem längeren Brief aus Brasilien sehr lebhaft und anschaulich über diese Zeit, Hans Merkel v. Meck und Hanns Kill v. Knubbl gaben mir wertvolle Ergänzungen, und ein klein wenig konnte ich auch aus eigener sekundärer Erinnerung beitragen. da uns Kraßfüxen des Sommersemesters 1926 viel über die zurückliegende Zeit erzählt worden war.

Diese Jahre hoben sich nämlich heraus aus der Geschichte der ATV Suevia. Bonn war von 1919 bis 1925 von französischen Truppen besetzt, und es herrschte eine gereizte Stimmung zwischen den Besatzungstruppen und der Bevölkerung. Auf beiden Seiten wirkte sich aus, daß durch Generationen hindurch der unselige Gedanke der "Erbfeindschaft" zwischen beiden Nationen immer wieder genährt worden war, und in der Besatzungszeit kam vielfach durch unnötige, rein schikanöse Maßnahmen eine Arroganz der Siegermacht zum Vorschein, welche die Erbitterung nur steigerte. So mußte die französische Trikolore auf der Ermekeilkaserne von deutschen Passanten durch Hutabnehmen gegrüßt werden, und Fußgänger mußten den Bürgersteig verlassen, wenn französischen Soldaten ihnen entgegenkamen. Die Korporationshäuser waren zum Teil von der Besatzungsmacht beschlagnahmt; in dem Schwabenhaus am Jagdweg 11 hatte zeitweise eine marokkanische Einheit ein Kinderheim eingerichtet. Standen mehr als drei Personen auf der Straße im Gespräch zusammen, dann galt dies als eine verbotene Ansammlung. Alle diese Maßnahmen lockerten sich im Laufe der Zeit nur sehr langsam.

Schon bald nach Kriegsende wurde das Verbindungsleben in der ATV Suevia wieder aufgenommen, und es waren zunächst ganz überwiegend Kriegsteilnehmer, die ihr Studium fortsetzten oder auch neu begannen. Uns Füxen des Jahres 1926 wurde oft geschildert, welch vorbildlicher Geist in diesen Jahren in der Verbindung geherrscht habe, wie gerade wegen aller äußeren Belastungen die Aktivitas zu einer festen Gemeinschaft zusammengewachsen sei. Als eine herausragende Persönlichkeit wurde uns immer der Vbr. Klauder v. Dat genannt. Auch er war Kriegsteilnehmer gewesen, war mit schweren Blessuren heimgekehrt und hatte zwei oder sogar drei Semester als Senior die Geschicke der ATV Suevia geleitet. Sein landwirtschaftliches Studium in Bonn fand seinen Abschluß in einer Tragikkomödie, die aber auch wieder ein bezeichnendes Licht auf die damaligen Verhältnisse wirft. Dat hatte eines Nachts einen Zusammenstoß mit einer französischen Streife. Er wurde verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er auch zum größten Teil verbüßte. Nun fiel der Vorfall gerade in die Zeit seiner Abschlußprüfung. Er hatte die Klausuren geschrieben und noch einige Teilprüfungen im Mündlichen zu absolvieren. Das ging nun so vor sich, daß ein Gefängniswachtmeister ihn jeweils vom Gefängnis zur landwirtschaftlichen Hochschule brachte, im Vorzimmer des Prüfungsraumes wartete und ihn nach beendeter Prüfung wieder in das Gefängnis zurückbrachte. Nach dem Examen wurde Dat von der gesamten Verbindung im "Hähnchen,' verabschiedet, er mußte auf Anordnung der Besatzungsmacht das Rheinland verlassen.

Eine große Erschwernis für die Studierenden dieser Jahre brachte die galoppierende Inflation mit sich, deren Auswirkungen sich niemand vorstellen kann, der sie nicht miterlebt hat. Etwa ab Mitte 1922 war es gänzlich unmöglich, die Studenten noch mit dem regelmäßigen Monatswechsel auszustatten, da das Geld kurze Zeit später stark entwertet war. Diese Entwertung nahm ein immer schnelleres Tempo an. Man half sich vielfach durch den Kauf von Sachwerten, die man nach Bedarf wieder verkaufte. Eine andere Hilfe war der in Bonn existierende schwarze Devisenmarkt. Dies war die Poststraße, wo man für beträchtliche Summen deutschen Geldes holländische Gulden oder französische Franken kaufen konnte, die in etwa ihren Wert behielten. Bei solchen streng verbotenen Geschäften standen einige Verbindungsbrüder Schmiere, um beim Herannahen einer Streife ein Signal geben zu können. Welches Ausmaß die Inflation angenommen hatte, ergibt sich aus der Höhe der Immatrikulationsgebühr, die Meck zu Beginn des WS 1923/24 zu zahlen hatte: 243 Milliarden Mark! Mitte Oktober betrug das Porto für einen Brief 5 Millionen, für eine Karte 2 Millionen Mark. Sehr viele Studierende arbeiteten danach als Werkstudenten in allen möglichen Betrieben, um für das Semester vorzusorgen, so z.B. mein Leibgroßvater Esau als Schlepper unter Tage in der Grube Rheinpreußen, als Hafenarbeiter in Bremen und 1923 als Nachtwächter in einer Bonner Büromöbelfabrik für 8 Billionen Mark pro Nacht.

Das war nicht die alte Burschenherrlichkeit der Zeit vor 1914, sondern es waren Jahre nüchterner und schwieriger Lebensbewältigung. Man bestand und überwand aber diese Zeit, und dies nicht zuletzt deshalb, weil man ja im Semester in der Gemeinschaft der Verbindung lebte und sich dort seelisch geborgen fühlte. Es kamen deshalb auch immer wieder Ausgelassenheit und Humor zu ihrem Recht, und manches lustiges Intermezzo mit den Hütern der Ordnung hätte die Chronik jener Zeit beleben können, so wenn Hans Schulz auf die Frage des Polizisten, wer hier den lauten Nachtgesang veranstaltet habe, schlagfertig erwiderte, er allein sei es gewesen, denn er könne zwanzigstimmig singen, oder als man eine Polizeiwache völlig unbesetzt vorfand, alle im Wachlokal vorhandenen Möbel auf die Straße setzte und dann empört die Hauptwache anrief, voller Entsetzen über den unglaublichen Zustand. Bei anderer Gelegenheit zollte man der Polizei aber auch wieder großen Respekt, als man nämlich einmal einen Wachtmeister der nächtlichen Streife bat, sich vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal auf dem Kaiserplatz zu postieren, um den Vorbeimarsch der vom Dämmerschoppen heimkehrenden Verbindung abzunehmen.

Wozu diese kleine Erinnerung an längst vergangene Zeiten? Ich sagte schon, daß sich die bezeichneten Jahre aus der Geschichte der Suevia herausgehoben haben. Sie waren nicht nur ein Neubeginn schlechthin, sondern, wie ich finde, in einem entscheidenden Augenblick auch so etwas wie eine fortwirkende Richtungsbestimmung. Es gab nach dem ersten Weltkrieg viel gedankenlose Restauration, es gab auch mancherorts ein romantisierendes Herumsuchen und Herumtasten, und es gab verworrenes Schwärmertum. Aus einem natürlichen, gesunden Lebensgefühl heraus haben sich unsere Verbindungsbrüder dieser Jahre weder nach der einen noch nach der anderen Seite hin anfällig gezeigt, obgleich sie sich in Bonn recht überheblich aufgezeigten Maßstäben ausgesetzt sahen. Sie sind ihren eigenen Weg gegangen und haben durch einen munteren Sport- und Ruderbetrieb und durch ein vorbildliches, beste ATB-Traditionen wahrendes Gemeinschaftsleben einen soliden Grund für die dann bald einsetzende starke Aufwärtsentwicklung der ATV Suevia geschaffen.

"Habt Ihr noch Bier auf dem Bootshaus?"

Persönliche Erinnerungen des Vbr. Friedrich Zogbaum v. Hektor an seine Studentenzeit in der ATV Gothia in den Jahren 1921 bis 1924

Das Gespräch mit Hektor führten Hans-Richard Scholpp v. Flynn und Reinhard Ganten v. Lila am 28. Februar 1993

Flynn:
Hektor, mit Deinen 93 Jahren bist Du einer der lebensältesten alten Gothen. Es ist schön zu sehen, daß Du noch körperlich und geistig so fit und rege bist. Fast möchte ich vermuten, bei einem ATBer, daß das mit dem Sport zusammenhängt. Bist Du auch wegen des Sports ATVer geworden?

Hektor:
Ja, ganz sicher. Für mich war es nie eine Frage, daß ich mit Beginn meines Studiums 1921 in Bonn bei den Gothen aktiv werden würde. Ich denke gern an meine Bonner Zeit in der ATV Gothia zurück und will Euch gerne etwas aus meiner Erinnerung erzählen.

Die Gothia war damals eine recht kleine Verbindung; wir waren sieben Füxe. Für mich kam etwas anderes als eine Sportverbindung überhaupt nicht in Betracht. Aus meinem Turnverein in Neuwied, bei dem ich sehr aktiv das Rudern, Turnen und Schwimmen betrieben habe, gingen ja mehrere nach Bonn. Außerdem war auch mein Vater schon Bonner Gothe. Er war Gründungsmitglied der Vorgängerverbindung der Gothia, des Schachklubs Caissa, Achill mit Biernamen. Bei meiner Fuxentaufe im Bootshaus hat er sich damals eine große Freude daraus gemacht, mich gehörig "einzuseifen"; dabei hat er mir ein großes Glas Bier über den Kopf geschüttet. Mein Bruder war übrigens auch ATBer.

Lila:
Da ward Ihr ja schon damals eine richtige ATBer Familie! Haben die anderen in der Familie auch so viel Sport getrieben?

Hektor:
Ja, wir waren ja alle im Neuwieder Turnverein sehr aktiv. Der Sport stand für mich überhaupt ganz im Mittelpunkt meiner Aktivitäten in der Gothia. Hier haben wir sehr viel schöne Sachen gemacht. Einer der größten sportlichen Erfolge war das Universitätssportfest von 1923. Das war ein offener Universitätswettkampf im Geräteturnen für alle Korporationen und freie Studenten, mit je zwei Übungen an Reck, Barren und Pferd. Geturnt wurde in drei Leistungsklassen, eingeteilt nach Schwierigkeitsgraden. In der Spitzengruppe waren nur sechs Mann, in der zweiten Gruppe waren 25, und die dritte Gruppe war noch größer. In allen diesen drei Klassen hat der ATB jeweils den ersten Platz belegt. Bbr. Thiemann von den Schwaben war als Sieger der Leistungsklasse 1 der Gesamtsieger; der drehte lässig einen Riesen. Ich führte die zweite Gruppe als Sieger an; ich konnte keinen Riesen drehen. Ich war aber bei den allgemeinen Freiübungen der Vorturner. Und die dritte Gruppe wurde wieder von einem Schwaben angeführt und gewonnen. Das Schöne war: Alle drei Sieger waren nicht nur ATBer, sondern alle waren aus unserem Neuwieder Turnverein! In Bonn ist dieser Erfolg gar nicht so bekannt geworden, aber in Neuwied war das für uns ein sehr großes Ereignis.

Lila:
Aber Ihr habt doch sicher auch viel gerudert.

Hektor:
Ja, wir haben sehr viel auf dem Rhein gerudert. Ich kannte das ja gut von Neuwied. Als Ruderwart habe ich damals immerhin acht VbrVbr ausgebildet; das war nicht wenig! Wir waren stolz, daß wir auf dem Stiftungsfest am Bootshaus vorbeirudern und den Alten Herren vorführen konnten, was wir im Frühjahr und Frühsommer geleistet hatten. Aber wir sind auf dem Rhein auch Rennen gefahren; damals gab es noch nicht so viel Schiffsverkehr. Nach meiner Erinnerung sind wir allerdings nie gegen die Suevia gerudert; ich kann mich gar nicht erinnern, ob die 'überhaupt gerudert haben.

Lila:
Doch, ich weiß von meinem Vater, der 1926 bei der Suevia aktiv geworden ist, daß die Suevia auch viel gerudert hat. Das Schwaben-Bootshaus war etwa dort, wo jetzt das Bundeshaus steht.

Hektor:
Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir hatten sogar von England einen Oxford-Achter gekauft; das war unser ganzer Stolz! Wir haben dieses Boot natürlich vor allen Dingen für Rennen eingesetzt. Die Rennen gingen übrigens immer nur mit der Strömung.

Ich war damals Rudertrainer, weil ich ja schon in unserem Verein in Neuwied sehr intensiv wettkampfmäßig gerudert hatte. Ich habe auch meinen Ruderlehrschein gemacht und habe dann die Vierer- und die Achtermannschaft trainiert. Wir hatten damals sogar einen Sechser; davon gab es in ganz Deutschland nur zwei Boote.

Ein großes Problem war die Pflege des Anlegers. Er soff im Frühjahr immer ab und mußte dann von der Werft auf der anderen Rheinseite abgeholt und repariert werden.

Lila:
Das ist auch heute noch unser ganz großes Problem. Die Unterhaltung des Anlegers ist sehr teuer. Welche Sportarten habt Ihr denn außer Rudern und Geräteturnen sonst noch betrieben?

Hektor:
Selbstverständlich auch Leichtathletik. Wir haben auch viel Faustball gespielt. Das kennt man ja heute kaum noch.

Flynn:
Habt Ihr auch gefochten?

Hektor:
Ja, sicher. Wir haben schwere Schläger gefochten. Die Gothia war die einzige schlagende Verbindung im Schwarzen Waffenring, die Schläger gefochten hat. Wir haben auch mit Schlägern Satisfaktion gegeben. Darin unterschieden wir uns von den Schwaben, die keine Schläger gefochten haben. Wir mußten im Studium das Fechten mit dem Schläger belegen und dies nachweisen; daneben wurde das Säbelfechten im Turnunterricht geübt. Der XX war gleichzeitig Fechtwart.

Flynn:
Hast Du Fälle erlebt, in denen Satisfaktion gegeben wurde? Kam das häufig vor?

Hektor:
Nein, oft hat es das nicht gegeben. Ich habe in meiner ganzen Bonner Zeit bei den Gothen nur zwei Fälle erlebt. Einer davon war ein Streit zwischen einem Gothen und einem Schwaben. Das waren unsere besten Fechter. Der Gothe in diesem Streit war lse Köbes; den Namen des Schwaben weiß ich nicht mehr.

Flynn:
Was war denn der Anlaß für diese Duelle? Waren das Händel wegen Mädchen?

Hektor:
Nein, das war schlichte Wirtshaus-Krakelerei, Ergebnis des Biertrinkens. Und das ging dann auch ganz harmlos und völlig blutlos aus.

Lila:
Habt Ihr bei Euren starken sportlichen Aktivitäten auch gelegentlich Probleme gehabt, VbrVbr zum Sport zu motivieren?

Hektor:
Nein, überhaupt nicht! Am Sport haben immer alle begeistert teilgenommen. Ich glaube, daß die Probleme im ATB in Bezug auf den Sport erst mit der Teilnahme der Frauen entstanden sind. Man sollte vielleicht eine gesonderte Frauenriege schaffen, dann gibt es keine Probleme. Das haben wir später in Breslau beim ATB auch so gemacht. Das klappte ganz hervorragend. Über diese Riege habe ich damals übrigens auch meine Frau kennengelernt.

Lila:
Habt Ihr denn die Couleurdamen auch sonst am Verbindungsleben teilnehmen lassen?

Hektor:
Nur bei den offiziellen Bällen. Sonst waren die Damen bei den Veranstaltungen nicht dabei. Das war reine Privatsache der VbrVbr. Insofern hat sich auch keiner um den anderen gekümmert.

Flynn:
Und das Studium? Hat die Verbindung etwas darauf geachtet, daß die einzelnen VbrVbr ihr Studium neben dem vielen Sport und den anderen Veranstaltungen und den Privatinteressen nicht allzu sehr vernachlässigten?

Hektor:
Nein. Darum hat sich die Verbindung überhaupt nicht gekümmert. Nur bei den Juristen haben die älteren Semester ein klein wenig geholfen. Wir mußten uns sonst selbst helfen. Die Bedingungen waren ja auch nicht einfach. Da mußte sich jeder schon sehr bemühen. Ich habe ja mein erstes Examen in Kulturtechnik gemacht. Da mußten wir in den ersten Semestern auf den Fluren der Institute arbeiten; dort hatte man kleine Tische hingestellt, an denen die Studenten arbeiten mußten. An solchen Tischen habe ich sogar als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten müssen. Ich mußte ja wie viele andere von uns auch nebenher noch Geld verdienen, anders konnten wir das Studium nicht finanzieren. Die Studenten haben sich damals sehr durchkämpfen müssen; das waren harte Zeiten, wohl schlimmer als für die meisten heute. Zum Teil haben wir auch für die französische Besatzungsmacht gearbeitet. Ich mußte 1924 vor den Franzosen fliehen; meine Ausbildung habe ich daher nicht abschließen können.

Flynn:
Hat denn die französische Besatzung des Rheinlandes das Leben bei Euch sehr bestimmt? Haben die Franzosen auf das Verbindungsleben Einfluß genommen?

Hektor:
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Wir haben uns auch politisch mit den Franzosen nicht angelegt. Die haben das Verbindungsleben anerkannt oder jedenfalls toleriert, und wir haben uns den Franzosen gegenüber zurückgehalten. Im privaten Kreis hat es über diese Fragen allerdings immer heftige Diskussionen und Auseinandersetzungen gegeben. Aus der Verbindung haben wir das aber herausgehalten; da hat es keine politischen Diskussionen zu diesem Thema gegeben.

Flynn:
Was habt Ihr denn in der Verbindung außer Sport an weiteren gemeinsamen und geselligen Veranstaltungen gehabt? Habt Ihr gemeinsam gegessen? Hat es Vortragsabende gegeben?

Hektor:
Gemeinsame Essen haben wir nicht gehabt. Wir hatten gar keine Möglichkeiten dafür. Denn außer dem Bootshaus hatten wir ja kein Haus, und das Bootshaus war dafür nicht geeignet. Nur gelegentlich hat natürlich einmal ein Vbr auf dem Bootshaus für einige VbrVbr ein Essen gekocht, aber nicht offiziell für die ganze Verbindung.

Vortragsveranstaltungen hat es auch nicht gegeben. Unser Verbindungsleben bestand nach meiner Erinnerung in erster Linie aus dem gemeinsamen Sport. Zweimal in der Woche war Pflicht. Dann hatten wir natürlich regelmäßig Kneipen und immer wieder zwischendurch besondere Veranstaltungen wie etwa die Fuxentaufen oder unsere Stiftungsfeste mit Kommers, Festball und Exbummel. Ich erinnere mich, daß wir nach einem Exbummel den Rhein zurückruderten. Als wir auf der Höhe des Bootshauses waren, wurden wir freudig von den AHAH und dem Fux begrüßt, der auf dem Dach stand und uns mit der Gothenfahne zuwinkte. Wir riefen ihm dann vom Boot aus zu: "Habt Ihr noch Bier auf dem Bootshaus?,, Da wurde schnell noch ordentlich Bier herangeschafft, und wir hatten dann noch eine sehr fröhliche und lange Exkneipe auf dem Haus. In dem großen Raum auf dem Bootshaus konnte man herrlich feiern; es wurde niemand gestört.

Lila:
Uns haben gelegentlich die Leute vom Beueler Rheinufer die Polizei ins Haus geschickt, wenn es bei den Hochkneipen nach Mitternacht manchmal sehr laut wurde.

Hektor:
Das haben wir nicht erlebt.

Zu dem Exbummel beim Stiftungsfest haben wir dann auch das Ännchen eingeladen.

Flynn:
Ännchen Schumacher aus Bad Godesberg?

Hektor:
Ja, das berühmte Ännchen aus Bad Godesberg. Wir waren oft in ihrem Lokal in Bad Godesberg; wir hatten dort unsere eigenen Bierkrüge. Dafür ist dann das Ännchen von Zeit zu Zeit zu uns auf das Bootshaus gekommen und hat mit uns neue Lieder einstudiert.

Lila:
Ist im Verbindungsleben bei Euch auch sehr auf Benehmen und richtiges Verhalten geachtet worden? Gab es bei Fehlverhalten Strafen?

Hektor:
Ja, schon. Gute Manieren, Essensgewohnheiten schon. Aber das wurde nicht übermäßig betont, und Strafen gab es dafür eigentlich kaum. Das richtige Benehmen kam wohl schon durch den Sport und natürlich durch die Kommerse, bei denen im offiziellen Teil die Disziplin gewahrt werden mußte. Es war zum Beispiel ganz streng verboten, nach einem Kommers noch außerhalb des Bootshauses weiterzufeiern.

Flynn:
Wer hat denn bei den Kneipen die Bierkapelle bedient?

Hektor:
Ach, das waren immer dieselben. Wir hatten ein Klavier, und ich konnte ganz gut spielen; da mußte ich auch meistens die Bierkapelle machen. Aber es hat auch viel Spaß gemacht!

Flynn:
Das kenne ich gut.

Wie hab ich nur so manche Nacht als Bierkapell im Haus verbracht!


Eintrag im "Lebensbuch" der Gothia von Hans Erhard Bock v. Stripp

(Leseabschrift)

Am 31. Dezember 1903 wurde ich in Waltershausen (Thür.) geboren. Mit meinen beiden Geschwistern verlebte ich in sorgloser Freizügigkeit dort meine ersten Jugendjahre, bis mein Vater sich nach Gotha versetzen ließ, wo er noch heute als Schulleiter im Amte tätig ist. 1910 kam ich zur Realschule, die ich nach drei Vorbereitungsjahren mit dem Gymnasium Ernestinum vertauschte. Ich entschied mich für die Realgymnasialabteilung, die ich kommentmäßig durchlief. Ostern 1922 baute ich mein Abitur. Krieg und Revolution hatten den Hintergrund für meine Schulzeit abgegeben, nur aus dem tiefen Erleben dieser Zeiten erklärt es sich, daß für mich, als Studiker, als ich 1922 zum Studium der Medizin nach Marburg ging, nur ATB und Burschenschaft zur Wahl standen. Nach eingehender Prüfung entschied ich mich für den ATB; sein Weg zur Erreichung seiner Hochziele scheint mir der natürlichste, einfachste und positivste zu sein. Im Jahre 22 wurde ich in der ATV Marburg aktiv, der mein Bruder Hipp bereits angehörte. Ich durfte genießen, ich durfte arbeiten im Bunde! Im Jahre 23/24 bekleidete ich die erste Charge; am Ende dieses Semesters machte ich mein Turn- und Sportlehrerexamen. Mit dem Physikum verließ ich nach 5 Semestern Marburg und zog für 2 Semester nach München. "Kunst und Bier gibt's allhier!" Und dazu die prächtigen Gebirgs- und Faltbootfahrten. Auch der Abschied von München ist mir schwer geworden, denn mit der ATV Germania war ich durch meine Tätigkeit als F.M. eng verwachsen. Die Krönung dieser Semester war das Allensteiner Bundesfest, bei dem es mir von neuem aufging, daß es ein gewaltiges um unseren Bundesgedanken ist, der so lebensvoll ist, wie kein anderer. "Im starken Körper den deutschen Geist!" Nach einem herrlichen Gothanensemester in Jena, wo ich bis zum Examen bleiben wollte, ging ich nach Bonn. Ich tat es um des Bundes willen. Meine ganze Kraft und Liebe gilt der ATV und ihrer Größe! Hans Erhard Bock (Stripp) Am 28. Dezember 1993 schreibt Stripp dazu an Lila:

"... Welche Bedeutung ich meinem Bonner Semester beilege? Die allergrößte: ich habe es für den ATB "geopfert", aber überzeugt von der Notwendigkeit und beglückt über den Erfolg. Daß ich trotz des "verbummelten" Semesters dennoch pünktlich Staatsexamen machen konnte, verdanke ich allein dem Hamburger Vorlesungsplan, ... "

Eintrag im "Lebensbuch" der Gothia von Adolf Althoff v. Teddy

Bonn, den 21.7.1924

Dank Fortuna, der Unendlichen, bezog auch ich die alkoholgeschwängerten Gefilde dieser schaurigen Erde, und zwar traf ich am 26.1.1905 abends 6 Uhr zu Niederseßmar im Kreise Gummersbach ein. Ich hatte mich eigentlich etwas verfrüht; denn ich sollte erst am 27. Januar die Welt mit meiner Gegenwart beglücken, um der Einfachheit halber meinen Geburtstag stets mit Kaiser Wilhelm 11 zusammen feiern zu können. Aber die Jugend will es ja immer besser wissen und so ließ ich mich denn leider durch meinen jugendlichen Vorwitz hinreißen, schon am 26. Januar mit einem jauchzenden Hurraschrei in dieses Weltall auszuschlüpfen. Daß trotzdem die Nähe des Kaiserlichen Geburtstages einen gewaltigen Einfluß auf meine Gesinnung ausübte, ist leicht zu verstehen.

Das Typischste für meine ersten Kinderjahre soll vor allem das Übel gewesen sein, daß ich mit konstanter Bosheit Zäune und Hecken beklettert, einzig und alleine aus dem Grunde, möglichst häufig meine Hosen zu zerreißen. Und als im Herbst 1909 schon alles zum Umzuge nach Siegburg im Möbelwagen verstaut war, da zerreiße ich noch mit affenartiger Geschicklichkeit die letzte Hose, die für mich zur Reise bestimmt war.

Und das war eine böse Sache! Ostern 1911 bezog ich zu Siegburg die Volksschule. Im Sommer desselben Jahres starb mein Vater. 1915 ging ich in Siegburg zum Gymnasium, wo ich im letzten Monate des Schuljahres stets einen auffallenden Fleiß an den Tag legte, um die übrigen 11 Monate, die ich zu "besseren" Dingen verwandt hatte, wieder wett zu machen. Mathematik war mein "Lieblingsfach". Sie konnte bei mir dieselbe Wirkung tun, wie bei anderen ein gut gelandeter K.O. Schlag. Nichtsdestoweniger konnte man mir natürlich bei der Reife meiner Jahre Ostern 1924 das Abiturientenzeugnis nicht verweigern. Nunmehr konnte ich mich meinem sehnlichsten Wunsche zuwenden, und zur alma mater Bonnensis zwecks Studiums der Medizin wandern. Am 12. Mai wurde ich in einer verehrlichen A. T. V. Gothia aktiv. Denn sie sagte mir ihres Rudersports wegen besonders zu.

Und in der Hoffnung, noch manche schöne Stunde unter Gothias Banner verleben zu dürfen, schließe ich, nicht nur weil meine Vorgänger dies auch so taten, sondern aus innerstem Herzen, mit einem urkräftigem

Vivat, crescat, floreat Gothia in aeternum ! Bonn, den 18.07.36

Erinnerungen an meine Bonner Verbindungszeit (1926 bis 1929)

Hans-H. Ganten v. Michel (übermittelt von R. Ganten v. Lila)

Ich hatte mich entschlossen, Rechts- und Staatswissenschaften zu studieren.

Meine erste Musenstadt sollte Bonn werden. Dem waren lange Überlegungen vorhergegangen. Für die Wahl des Studienortes war jedoch damals sehr wesentlich, welcher studentischen Verbindung man beitreten wollte. Daß man "aktiv,, wurde, gehörte einfach dazu. Diejenigen, die überhaupt keiner studentischen Korporation angehörten, galten irgendwie als komische Außenseiter. In der Schule hatte uns nun Ackermann in seinen Religionsstunden in schwungvoller Werbung schon auf das Verbindungswesen hingewiesen. Für ihn war jedoch die richtige Verbindung nur eine farbentragende und schlagende Verbindung. Es war damals landläufige Auffassung, daß der Student eben Mensuren schlage, und bei vielen guten Bürgersleuten kam der "richtige" Student spätestens nach dem zweiten Semester mit einem Schmiß nach Hause, wodurch er nach außen hin als angehender Akademiker in Erscheinung trat. Viele Eltern, gerade auch aus Kreisen des Kleinbürgertums, waren recht stolz auf den Schmiß ihres Sprößlings. Daß an den Großstadtuniversitäten (Berlin' Hamburg, Breslau, München) schon damals die Mehrheit der Studenten nicht aktiv war, blieb weitgehend unbekannt.

Ich wandte mich an meinen Vetter Ludwig Ganten in Hannover, der in Bonn in einer Verbindung namens Suevia aktiv gewesen war. Ludwig informierte mich gründlich über das ganze Verbindungswesen an den deutschen Universitäten. Bei seinen Erzählungen zerstob alle Romantik, die sich bei mir mit Mütze und Band und Fechten noch immer etwas verbunden hatte. Er machte mir deutlich, welche Erziehung zu reinen Äußerlichkeiten doch in dem Gehabe der farbentragenden, schlagenden Verbindungen liege und zu welcher Anmaßung, etwas Besseres zu sein, dies führen könne. Demgegenüber schilderte er mir den unbeschwerten, fröhlichen Turnbetrieb der Suevia, das Rudern auf dem Rhein, die Wanderungen in Eifel und Hunsrück, an der Ahr und an der Mosel und meinte, daß ich mich in dieser ungezwungenen Geselligkeit wahrscheinlich pudelwohl fühlen werde. Nach allem, was ich durch Ludwig erfuhr, stand für mich der Entschluß fest, nach Bonn zu gehen und mich der Suevia anzuschließen. Ludwig ließ natürlich nicht unerwähnt, daß ich schon aus Familientradition ATBer werden müsse, denn auch sein Bruder Hans habe dazugehört, er sei Heidelberger Hasso-Rhenane gewesen.

Am 22. April 1926 kamen Karl Bornemann und ich abends in Bonn an. Mit Karl war ich nach dem Abitur in Verbindung geblieben, wir hatten gemeinsam überlegt, wohin wir gehen und wo wir evtl. aktiv werden wollten. Als wir in Bonn eintrafen, umfing uns milde Frühlingsluft. Zwei Vertreter der Suevia erwarteten uns schon auf dem Bahnsteig und geleiteten uns auf ihr Verbindungshaus am Jagdweg 11.

Karl und ich wurden bald in der Suevia aktiv. Uns gefielen ihre Angehörigen. Daß das Bild, das mir mein Vetter Ludwig vom Leben und Treiben der Verbindung gezeichnet hatte, etwas idealisiert war, konnte ich allerdings auch schon bald feststellen.

Am besten versuche ich wohl zunächst einmal das Bild zu zeichnen, das die Verbindung von sich selbst hatte, und zwar als das allgemeine Bild, das mehr oder weniger für alle deutschen studentischen Korporationen galt. Als was verstand sich die Verbindung selbst? Sie wollte zunächst eine sehr feste Gemeinschaft sein, in der die Angehörigen in wesentlich engerer Bindung zueinander leben sollten als in einem normalen Verein. Diese enge Bindung, und das wurde als etwas ganz Wesentliches angesehen, sollte sich über das ganze Leben erstrecken. Die Verbindung sollte alle Altersgruppen umfassen. Alte Herren und junge Aktive sollten sich allesamt fest an die eine große Gemeinschaft der Verbindung gebunden fühlen. Dies war das Lebensbundprinzip. Hinzu kam der Bruderschaftsgedanke. Unter Bruderschaft verstand man etwas anderes als unter Freundschaft. Während es sich bei der Freundschaft um eine rein persönliche Bindung zwischen zwei Menschen handelt, war bei der Bruderschaft die Allseitigkeit entscheidend. Alle Angehörigen der Verbindung sollten sich einer ethischen Bindung zueinander bewußt sein, es sollte jeder offen und gesprächsbereit für den andern sein, es sollte so ein Klima des allgemeinen Vertrauens, das Gefühl eines steten Füreinander in der Verbindung erwachsen. Und schließlich wollte die Verbindung auch eine Stätte gemeinsamer Selbsterziehung sein. Dies bedeutete zunächst, daß die Verbindung von jedem ihrer Angehörigen ein der Gemeinschaft zugewandtes Verhalten erwartete, eine aktive Hingabe an die Aufgaben, die das Gemeinschaftsleben mit sich brachte. Eine Erziehungsgemeinschaft wollte die Verbindung aber auch insofern sein, als sie von ihren Angehörigen ein in jeder Hinsicht anständiges Verhalten im privaten und öffentlichen Leben erwartete. Es wurde deshalb auf Conventen und Burschenräten unter Umständen offiziell Kritik am Verhalten des einzelnen Verbindungsbruders geübt. Im Alltag der aktiven Verbindung konnten aber auch schon Bitten, Hinweise und Ermahnungen manchmal viel bewirken. Bei ernsten Verstößen gegen die Gebote des Anstands befaßte sich die Verbindung ganz offiziell mit dem Fehlverhalten des betreffenden Verbindungsbruders, und es wurden dann nicht selten auch Ehrenstrafen verhängt, die vom einfachen Verweis bis zum Ausschluß cum infame reichten. Der deutsche Korporationsstudent sollte sich, so kann man wohl ganz allgemein sagen, durch ein ritterliches Verhalten auszeichnen, und das Leben in der festen Gemeinschaft der Verbindung sollte dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

Entsprachen nun diese Vorstellungen auch einer gelebten Wirklichkeit, oder handelte es sich bei ihnen nur um einen hoch gestimmten Jünglingsidealismus und um traumseliges Schwärmen? Wirklichkeiten waren in meiner Studienzeit diese hohen Ziele schon, denn auch gemeinsame Vorstellungen sind Wirklichkeiten in dieses Wortes wahrer Bedeutung. Die Ideale, mochten sie nun geschickt oder stümperhaft verkündet worden sein, entsprossen durchweg ehrlicher Überzeugung, und sie fanden auch Widerhall. Die besonderen Lebensumstände begünstigten dazu noch diese Resonanz. Denn in keiner Zeit ist ja der Mensch so empfänglich für hohe Gedanken wie in den Jahren, in denen sich seine Lebensbahn erstmals frei vor ihm auftut. In meiner Studienzeit war es jedenfalls durchaus noch so, daß die materiell zweckfreie, die ideale Gemeinschaft, ein erstrebenswertes Ziel war. Wir glaubten, daß eine Verbindung, wie ich sie umschrieben habe, uns menschlich bereichern, uns fördern und uns auch im weiteren Leben viel bedeuten würde. Von einer solchen Einstellung waren nicht nur wir beseelt; es haben, lange vor uns, erlauchte Geister und Poeten ähnliche Gedanken gehabt, und sie haben davon in Liedern und Versen Kunde gegeben. Diese Lieder spiegeln geradezu ein kleines Stück deutscher Kulturgeschichte wieder.

Wie sah aber der Alltag des Verbindungslebens nun wirklich aus? Galten da alle die hehren Verkündungen? Blieben nicht etwa die leuchtenden Sterne der Jugendideale hinter einer Wolkenschicht von grauer Alltäglichkeit verborgen. War nicht alles, was gesagt und gefordert wurde, viel zu hoch gegriffen? Es ist gar nicht zu leugnen, daß manche Verbindungen nur ein trübes Abziehbild ihrer wortreichen Selbstdarstellung gewesen sind. Aber wo im Leben bleibt nicht das Erreichte hinter dem Ersehnten weit zurück? Ich will deshalb auch nicht meine aktive Zeit in der ATV Suevia an der hohen Linie ihrer reinen Ideale messen, doch muß ich bei objektiver Prüfung und aus nunmehr großer Distanz sagen, daß meine Verbindung mich, alles in allem genommen, nicht enttäuscht hat. Ich habe dort nicht nur Stunden fröhlicher Ausgelassenheit erlebt und dabei kräftig mitgemacht. Ich habe auch vielfach, und das in entscheidenden Stunden, die menschliche Nähe eines Verbindungsbruders verspürt. Überdies, und das nicht zuletzt, hat mich die Teilnahme am Verbindungsleben, haben mich insbesondere die Ämter, die ich später bekleidet habe, nicht wenig gefordert. Ich bin in dieser Zeit wesentlich beweglicher und im Umgang mit anderen Menschen gewandter geworden.

Der Veranstaltungsplan forderte die aktiven Mitglieder zeitlich nicht unerheblich. Allmorgendlich um 7.00 Uhr war eine Fechtstunde, dienstags und freitags war Turnabend, mittwochs war Dämmerschoppen im Hähnchen, donnerstags war Convent und Burschenrat, und am Sonnabend war eine Kneipe im Verbindungshaus. Zweimal wöchentlich hielt der Fuxmajor eine Fuxenstunde ab. Im Sommer wurde dazu an manchen Nachmittagen auf dem Rhein gerudert. Die Verbindung hatte dort, wo jetzt das Bundeshaus steht, ein Bootshaus, und der Bootspark bestand aus 2 Vierern, einem Doppelzweier mit Steuermann, einem Skiff und einem recht stabilen Zweier-Paddelboot.

Zu den Veranstaltungen kann ich nur sagen: es gab solche und solche. Ich denke an manchen Dämmerschoppen im "Hähnchen,, zurück, auch an manche Kneipe, bei denen die Stimmungswogen hochschlugen und man, ob man wollte oder nicht, mitgerissen wurde vom Strom der allgemeinen Zech- und Sangeslust. Höhepunkte gab es, wenn am Präsidium ein Mann stand, der durch zündenden Witz die ganze Kneipkorona in seinen Bann zog, oder wenn ein naturbegabter Komiker die Kneipe durch lustige Biermimiken auflockerte. Es gab solche Naturtalente, sie waren unbezahlbar. Mir bleibt da besonders ein Berliner Verbindungsbruder Roth in Erinnerung, der von der ATV Kurmark zu uns gekommen war. Seine Meisterschaft bestand in der Wiedergabe der Gedichte Otto Reuters, und er begleitete dabei seinen Vortrag mit einer solchen Mimik, daß selbst Otto Reuter im Berliner Wintergarten wohl kaum eine größere Wirkung erzielt hat als unser Roth bei uns in Bonn. Es gab aber auch Kneipen, da wurde gesoffen und geblödelt, da mußte der Präside, um sich durchzusetzen, fortgesetzt "Silentium" in die Menge schreien und so heftig mit seinem Kneipspeer auf den Tisch schlagen, daß man sich die Ohren hätte zuhalten mögen. Und wiederum gab es Kneipen, die einen ausgesprochen festlich-feierlichen Verlauf nahmen. Wenn auf ihnen die Ideale des Bundes schlicht und wirkungsvoll angesprochen wurden, dann fühlte man sich in der Tat dem Alltag entrückt und befand sich in einer gewissen Ergriffenheit. Es liegt in der Natur der Dinge, daß solche Augenblicke nur selten eintraten. Ich möchte den studentischen Kneipen einen gewissen Wert auch deshalb beimessen, weil sie der Ort für die Pflege der Kommerslieder waren. Unter ihnen gibt es viel bedeutsames Liedgut. Man kann einen Teil dieser Lieder ohne Übertreibung als poetisch wertvoll bezeichnen. Es sind inhaltlich wunderschöne, gedankenreiche Lieder darunter, und die Verfasser ihrer Wort- und Notentexte haben Rang und Namen in der deutschen Poesie und Sangeswelt. Auch unter den Liedern, die Ausdruck von Heiterkeit oder gar Ausgelassenheit sind, gibt es eine ganze Reihe, die in liebevoller Ironie und in wirklich gekonnten Versen Zustände oder Ereignisse der Vergangenheit oder die Aura des alten Studentenlebens behandeln. Daß sie manches zum Idyll verklären, was schadet es. Lieder sind Poesie, und sie sollen nichts anderes sein.

Zwei- oder dreimal im Semester gab es auch ein Damenfest. Die Verbindung hatte einen festen Kreis von jungen Mädchen, Töchtern aus größtenteils angesehenen Bonner Familien, die regelmäßig zu den Tanzfestlichkeiten eingeladen wurden. Studentinnen waren noch kaum dabei. Im Sommer saß man im Garten hinter dem Haus unter Bäumen, und getanzt wurde im Kneipraum nach Klaviermusik. Diese Damenfeste habe ich in bester Erinnerung, obgleich bei Vorbereitung und Verlauf alle Regeln der guten alten Konvention beachtet wurden. Auf einem Convent wurden zunächst die Damen "verteilt',, d. h. es wurde für jede der Eingeladenen der Tischherr bestimmt. Dieser hatte dann bei den Eltern Besuch zu machen, die Dame zum Fest abzuholen und nach dem Fest wieder nach Hause zu geleiten. Es wäre gänzlich undenkbar gewesen, daß jemand eine Freundin von sich aus zum Fest mitgebracht hätte, ohne daß diese vorher - und zwar mit ausdrücklicher Genehmigung des Convents - eine offizielle Einladung der Verbindung erhalten hätte. Nur Töchter von Alten Herren, Bräute und Schwestern von Verbindungsbrüdern zählten ohne weiteres zum Kreis der Verbindungsdamen.

Der Sport stand natürlich im Mittelpunkt des regulären Verbindungslebens. Im Wintersemester traf man sich an den genannten Abenden zum Geräteturnen in der Universitätsturnhalle, im Sommer standen Leichtathletik, Spiele und Rudern im Vordergrund. Die Suevia stand bei den Bonner Korporationsstudenten nicht zuletzt wegen ihres hervorragenden Abschneidens bei den Sportwettkämpfen in einem sehr guten Ansehen, Im Mittelpunkt stand damals immer der Kampf um die Funkeplakette, ein von einem früheren Rektor gestifteter Preis für die beste Faustballmannschaft der Universität. Er wurde in meiner Zeit ausschließlich von der ATV Suevia gewonnen. Diese Spiele wurden wohl von fast der gesamten Verbindung mit Spannung an Ort und Stelle verfolgt, und häufig gesellten sich sogar einige unserer Verbindungsdamen zu uns.

Zu meinen besonders schönen Erinnerungen gehört aber das Rudern auf dem Rhein. Die Übungsstunden fanden gleich im reißenden Strom statt, da ein Übungskasten in Bonn nicht zur Verfügung stand. Wir hatten aber dafür einen sehr kräftigen, geklinkerten Vierer, ein offenes Boot zwar, aber ein stromerprobtes, absolut rheintüchtiges Boot. Ein energischer und erfahrener Ruderwart mühte sich mit uns jungen Füxen ab, und schon bald waren wir soweit, daß wir längere Fahrten unternehmen konnten.

Die nähere und weitere Landschaft um Bonn herum ist mir im Laufe meiner dortigen fünf Semester recht vertraut geworden. Durchweg einmal im Monat machte die gesamte Verbindung eine Tageswanderung, eine sogenannte Turnfahrt, in der weiteren Umgebung von Bonn, und so lernte ich Teile der Eifel, des Hunsrücks und des Westerwalds kennen, einsame Landschaften damals, die noch nicht von breiten Verkehrsadern durchzogen waren. Kein Auto begegnete uns auf diesen Wanderungen, oft aber der plumpe zweiräderige Ochsenkarren der Kleinbauern, die von ihrer armseligen Hofstelle aus ihre oft nur 4 bis 5 Hektar Land bewirtschafteten. Große Teile der Eifel gehörten in den zwanziger Jahren wohl zu den ärmsten und verlassensten Gebieten Deutschlands, und wenn wir dort fröhlich singend durch ein Dorf zogen, wurden wir bestaunt wie ein Weltwunder.

Zu den sachlich-nüchternen und zum Teil auch ernsten Veranstaltungen der Verbindung gehörten die Burschenräte und Convente. Hier wurde beraten und beschlossen, und den meisten Beschlußfassungen gingen lebhafte Debatten voraus. Auf den Conventen, an denen auch die Füxe teilnahmen, wurden im wesentlichen nur die unwichtigeren Dinge beraten. Der Burschenrat dagegen entschied über alle wichtigen Anliegen, u. a. auch über Ehrenstrafen und Ausschlüsse. Zumindest in meinen Bonner Semestern verliefen diese Versammlungen recht diszipliniert, und der bei anderen Veranstaltungen so munter sprießende Humor entfiel hier. Die Debatten liefen nach einer bestimmten Geschäftsordnung ab, und dieses Statut war Gegenstand eingehender Unterweisungen in den Fuxenstunden. Das mag vielen heute etwas albern klingen. Tatsächlich waren die festen Diskutierregeln und die Anerkennung und Beherrschung dieser Regeln die Garantie für eine korrekte Beratung und Beschlußfassung, und ich finde, daß es für uns junge Menschen gar kein besseres Vertrautwerden mit gesunden demokratischen Grundsätzen geben konnte als die aktive Teilnahme an diesen Versammlungen. Ein weiteres Positivum war, daß mancher Verbindungsbruder dabei eine anfängliche Befangenheit verlor und mit der Zeit immer beherzter und gewandter an den Debatten teilnahm. Dadurch gewann mancher im Laufe der Zeit erheblich an Selbstvertrauen und Sicherheit.

Ich habe bereits erwähnt, daß die aktiven Verbindungsbrüder sich jeden Morgen um 7.00 Uhr auf dem Paukboden zur Fechtstunde einzufinden hatten. Bei diesen Fechtübungen trugen die Paukanten eine vor dem Gesicht drahtbewehrte Filzkappe, eine Armbandage und einen Brustschurz. Die Verbindung schlug zwar keine scharfen Pflichtmensuren. Sie vertrat aber den Standpunkt der sogen. unbedingten Satisfaktion. Das bedeutet, daß ihre Angehörigen verpflichtet waren, auf Ehrenkränkungen mit einer Säbelforderung zu reagieren, d. h. sie hatten den Beleidiger aufzufordern, sich wegen der zugefügten Ehrverletzung auf einer Säbelmensur zu stellen. Diese Forderung wurde zunächst durch einen Kartellträger überbracht, wenn sich der Beleidiger, was meistens der Fall war, weigerte, die in Frage stehende Äußerung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzunehmen. Nach Überbringung der Forderung trat dann ein Ehrengericht zusammen, das über Genehmigung oder Nichtgenehmigung der Forderung entschied. War der Verletzte völlig grundlos beleidigt worden, dann zwang das Ehrengericht den Beleidiger zur Rücknahme der Äußerung, ggf. mit dem Ausdruck des Bedauerns. Handelte es sich bei der Beleidigung um eine alberne Lappalie, so erklärte das Ehrengericht unter Umständen die Forderung für unbegründet, weil keine Beleidigung vorliege. Dies geschah aber äußerst selten. In all den Fällen aber, in denen die Ehrverletzung aus einer auch nur scheinbaren Konfliktsituation heraus begangen worden war, pflegten die Ehrengerichte die Säbelmensur (die "Partie,,) zu genehmigen, und zwar je nach der Schwere der Beleidigung als eine cum-Partie, als eine sine-Partie oder als eine sine-sine-Partie. Bei der schwächeren Form, der cum-Partie, wurden Brust, Augen, Schläfen und rechter Arm noch geschützt, bei der sine-Partie entfiel der Brustschutz, bei der sine-sine-Partie auch noch der Arm- und Schläfenschutz. Diese letztere Partie schwersten Grades wurde nur in Fällen von äußerst schwerwiegenden Ehrenkränkungen genehmigt. Ich älterer Student, der selbst einige Duelle hinter sich hatte), stellte fest, ob die Duellanten sich etwa "commentwidrig,, verhielten. Neben jedem der Duellanten stand dessen Sekundant, und dieser konnte bei groben Verstößen des Gegners sofort mit seinem Speer dazwischenfahren und die Partie stoppen. Die Mensur bestand im übrigen aus 15 Gängen, jeder Gang aus vier Schlägen. Nach jedem Gang gingen die Duellanten in ihre Ausgangslage zurück und warteten das Kommando zum nächsten Gang ab, das der Sekundant des Geforderten gab. Das Duell endete damit, daß entweder "ausgepaukt,, wurde, also alle 15 Gänge zu Ende gefochten wurden, oder daß einer der beiden Duellanten "abgeführt,, werden mußte, und dies konnte aus zwei Gründen geschehen. Einmal konnte der vom Gegner beigebrachte Schmiß zu solchem Blutverlust führen, daß der anwesende Arzt die Fortführung der Partie untersagte. Der Duellant war dann zwar "abgestochen", aber ein solches Ende war absolut ehrenvoll. Es konnte aber auch sein, daß einer der Duellanten zuckte, d. h. dem Säbelhieb seines Gegners mit dem Kopf auszuweichen suchte, und dies war das Schlimmste und Peinlichste, was es unter Waffenstudenten gab. Wenn es von jemandem hieß, er habe auf einer Partie "gekniffen,,, dann war es um sein Ansehen nicht mehr gut bestellt. Das Kneifen auf der Partie selbst führte immer dazu, daß der Betreffende sofort abgeführt wurde. Hätte eine Verbindung ihren Duellanten trotz seines Kneifens weiter stehen lassen, wäre es um ihr Ansehen auf der Stelle und endgültig geschehen gewesen.

Dieser Gedanke der Reaktion auf Ehrenkränkungen mit Säbelforderungen wurde bei uns seinerzeit aus der Romantik des Rittertums, die im Gedanken des Zweikampfes noch nachklang, begründet. "Die Ehre sei das höchste Gut, und die verletzte Ehre könne nur durch Blut gesühnt werden. Der freie deutsche Mann stehe mit der Waffe für seine Ehre ein.,, Das waren so die Begründungen. Mit Recht ist dies heute im ATB nur noch Geschichte.

Der ganz große Gewinn, den mir meine aktive Zeit in der ATV Suevia eingetragen hat, bestand in der durch die Ämter gewonnenen Erfahrung. Ich wurde in meinem dritten Semester Kassenwart, im vierten Erstchargierter (Senior) und im fünften Fuxmajor. Mein Vorgänger als Kassenwart war vor Aufnahme seines Studiums Bankangestellter gewesen, er hatte eine mustergültige Kassenverwaltung eingerichtet, vor allem ein Journal mit doppelter Buchführung. In allem unterwies er mich gründlich. Die saubere Weiterführung des Journals und aller Nebenkonten und Karteien machte mir Spaß, und ich habe nicht nur bei dieser reinen Verwaltungsarbeit etwas gelernt, sondern vielleicht mehr noch bei den zum Teil recht schwierigen Verhandlungen mit einigen Bonner Firmen, bei denen die Verbindung bei meiner Amtsübernahme erheblich im Debet stand. Dabei mußte ich Tilgungspläne zu erreichen versuchen, die auch in unseren Etat paßten, und der Etat wiederum durfte auf der Einnahmenseite nicht Not leiden, was mich zu großem Nachdruck bei der Beitragseinziehung nötigte. Als Senior war ich dann für den Gesamtverlauf des Semesters verantwortlich. Ich hatte alle geselligen Veranstaltungen vorzubereiten und zu leiten. Dabei hatte ich zunächst manche Befangenheit in der freien Rede zu überwinden. Einige Male wurde ich auch zum Vorsitzenden unseres Altherrenverbandes gebeten, und damit wehte mich erstmalig in meinem Leben ein schwacher Hauch aus einer Welt an, von deren Existenz ich bis dahin nur aus Zeitungen wußte, der Welt der Wirtschaftsbosse. Vorsitzender unseres Altherrenverbandes war ein Dr. Fischer. Er war früher Stadtkämmerer und Erster Beigeordneter der Stadt Dortmund gewesen, war dann aber als Generaldirektor des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks in die freie Wirtschaft gegangen. Schon äußerlich eine imposante Erscheinung, war er der Typ des sich souverän gebärdenden Mannes, der vor allem durch seine Wortgewandtheit und seine bestechende Sachlichkeit beeindruckte. Ich habe es in einer Vorstandssitzung des Altherrenverbandes, in der größere Hausumbaupläne erörtert wurden, erlebt, wie Dr. Fischer das ganze Zahlenwerk des Kassenwarts, eines biederen Landmessers, vom Tisch wischte und aus dem Stand einen Finanzierungsplan entwickelte, der alle anderen Überlegungen über den Haufen warf. Für ihn war das wahrscheinlich keine große Angelegenheit. Mich jungen Dachs beeindruckte dieser Mann aber ungeheuer, und da er mich immer äußerst freundlich behandelte, fühlte ich quasi seine Autorität hinter meinem Amt, und das gab mir eine nicht unerhebliche Rückenstütze. Dieses Semester, in dem ich Senior war, nahm mich voll in Anspruch. Ein schöner Ausklang war dann mein letztes Semester, in dem ich das Amt des Fuxmajors bekleidete. Die Betreuung der neuen Mitglieder, ihre Einführung in das Verbindungsleben mit all seinen besonderen Gepflogenheiten, die Gespräche über Wesen und Wert der Verbindung, auch die manchmal sehr ausgedehnten Unterhaltungen über Wert oder Unwert so mancher Tradition, über das menschliche Verhalten des einen zum anderen, all das forderte schon ein gewisses Geschick in der Gesprächsleitung. Daß ich dabei meiner Aufgabe in etwa gerecht geworden bin, möchte ich annehmen. Mein Fuxenstall war jedenfalls ein netter Haufen, und bei den sonntäglichen Spaziergängen in der näheren Umgebung Bonns, die wir von Zeit zu Zeit unternahmen, fehlte nur selten einer meiner Füxe.

Obgleich die Angehörigen der Verbindung, im Durchschnitt etwa 30 Aktive, sich gegenseitig recht gut kennenlernten, wäre es widernatürlich gewesen, wenn sich jeder mit jedem angefreundet hätte. Mir persönlich waren zwar die meisten meiner Verbindungsbruder durchaus sympathisch. Von einigen Ausnahmen abgesehen, fühlten sich unsere Mitglieder von dem Sportbetrieb der

Verbindung angezogen, und deshalb überwog der lebensfrohe, bewegliche und recht unternehmungslustige Typ. Viele meiner Verbindungsbrüder habe ich als Gefährten froher Stunden in guter Erinnerung behalten.

In Bonn gab es in der Verbindung einen recht sentimentalen Abschied. Wer Bonn verließ, dem wurde auf der Schlußkneipe der traditionelle Lichterfackelzug gebracht. Die Scheidenden saßen mit ihrem Stuhl auf einem Tisch, alle Verbindungsbrüder gingen, jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand, um den Tisch herum und sangen das Lied "Ein frohes Herz voll Lieb und Lust..." mit dem Refrain "Sing Sang und Kling Klang, es zog ein Bursch hinaus in die Welt, Sing Sang und Kling Klang, es zog ein Bursch hinaus.,, Beim dritten oder vierten Umgang setzte dann jeder seine Kerze auf einen Teller, den der Scheidende in Händen hielt, und trank mit ihm noch einmal Schmollis. Als ich wenige Tage nach dieser Schlußkneipe abends von Bonn abfuhr, war fast die gesamte aktive Verbindung am Bahnhof und sang mir zum Abschied noch einmal das "Sing Sang und Kling Klang".

Die Verbindungen und die Kameradschaft in der NS-Zeit

zusammengestellt von Volker Unruh v. Kaba

Nach der schweren Zeit nach dem 1. Weltkrieg mit Inflation, Besetzung des Rheinlandes und Zuzugsbeschränkungen blühte das Verbindungsleben in den Zwanziger Jahren wieder auf. Die Gothia kam endlich 1929/30 zu ihrem Verbindungshaus, die Mitgliederstärke beider ATVen erlangte einen Höchststand. Dann kam das Jahr 1933 und die Herrschaft der NSDAP. Wenn bisher die Tagespolitik in den Mitteilungsblättern nicht erwähnt wurde, so wurde jetzt das "neue Deutschland" begrüßt. Alle Aktiven der Gothia waren bereits in der Stahlhelm-Hochschulgruppe "Langemarck" oder in der SA oder SS, sie traten geschlossen zu Beginn des SS 1933 in den Lehrsturm des NSDStB. ein. (Von der Suevia liegt hierüber nichts schriftlich vor, das Heft 54 von 1934 fehlt leider im Archiv.)

Die Anpassung

Viele VbrVbr waren völkisch-national gesinnt. Sie standen der neuen Bewegung wohl nicht ablehnend gegenüber. Und wer sie nicht begrüßte, der versuchte wenigstens, sich zu arrangieren. Die Ziele der Verbindung wurden sehr schnell mit einer Art "geistigem Spagat" der neuen Ideologie angepaßt. So führt der AH-Vorsitzende Schreiber (Pussi) am 30.12.1933 (Gothen-Heft 24) aus: "Täuschen wir uns nicht darüber, daß sich alle Korporationen im neuen Reich einer ernsten Prüfung auf ihre Daseinsberechtigung unterziehen müssen. Wir sind dabei in der glücklichen Lage, daß der Wille unseres Führers Adolf Hitler nicht im Widerspruch zu dem steht, was wir schon immer in unserer lieben Gothia gewollt und erstrebt haben". Aber der Wille des Führers wurde nicht richtig gedeutet, die Anpassung half den Korporationen auf Dauer nicht; nach immer mehr Repressalien fiel die Prüfung der Daseinsberechtigung schließlich negativ aus.

Eines der ersten Ziele der neuen Regierung war die Durchsetzung ihrer Rassevorstellungen. Alsbald mußten auch die Korporationen Erklärungen abgeben, daß "Judenstämmlinge usw." ihr nicht angehörten. Die Satzungen von Gothia und Suevia, zur Zeit der Gründung noch neutral gehalten, enthielten jedoch schon in den 20er Jahren - wohl nach dem ATB-Fest in Allenstein 1925 - einen "Arierparagraphen". Später, im März 1935 wurde eine entsprechende Erklärung wegen der Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge verlangt. Hier wurde aber das Schweigen als negative Antwort angesehen.

Recht schnell begannen die neuen Machthaber, überall das Führer- und Gefolgschaftsprinzip einzuführen. In der Gothia wurde ein Bundesführer anfangs noch nicht ernannt, da man meinte, mit den Chargen das geforderte Führerprinzip zu erfüllen. Zum WS 33/34 kam es dann zu folgender Regelung, wie der AH-Vorsitzende Schreiber (Pussi) 1934 im Gothenheft Nr. 24 erklärt: "Während bisher der Altherrenverband auf der einen Seite und die Aktivitas mit den auswärtigen Mitgliedern auf der anderen Seite standen, tritt nunmehr eine Änderung dahin ein, daß beide Teile unter dem Verbindungsführer als Verbindung zusammengefaßt werden. Dem Verbindungsführer untersteht die Aktivitas und deren Führer vollkommen, der Altherrenverband und dessen Vorsitzender nur in politischer und hochschulpolitischer Beziehung. Zur Zeit sind bei uns Verbindungsführer und Vorsitzender der AHV personengleich. Als Verbindungsführer stelle ich folgende vorläufige Gesetze auf:

  1. Zur Beratung des Verbindungsführers dient der Führerring. Dieser besteht aus 2 Ältesten und 6 - 8 weiteren Mitgliedern, die vom Führer berufen werden.
  2. Die beiden Ältesten haben das Recht, bei dem Führer des ATB den Antrag auf Absetzung des Führers zu stellen.
  3. Seinen Nachfolger ernennt der Führer selbst und schlägt ihn dem Führer des ATB zur Bestätigung vor. Im Falle, daß die Ältesten die Absetzung des Verbindungsführers erwirkt haben, müssen sie dem Führer des ATB einen neuen Verbindungsführer zur Bestätigung vorschlagen.
  4. Der Verbindungsführer ernennt seinen Stellvertreter aus den Reihen des Führerrings. Zum Schluß teilte er die ernannten Mitglieder des Führerrings mit.

Die Machtergreifung erstreckte sich schon nach kurzer Zeit auf das Leben auf den Verbindungshäusern. Die Korporationen mußten unter Androhung des Verbots Wohnkameradschaften für die Erst- und Zweitsemester mit streng geregeltem Tagesablauf einrichten.

Im Schwabenheft Nr. 55 (1935) gibt Josef Huppert (Skull) einen "Bericht über das Kameradschaftsleben in der Verbindung: Im SS 1933 kam von der Studentenschaft der Erlaß heraus, daß alle Korporationen im WS 33/34 ein Kameradschaftshaus einzurichten haben. So wurden auch wir vor die schwere Aufgabe gestellt, unser Haus in ein Kameradschaftshaus umzugestalten. Mit Hilfe der A.H.-schaft wurden während der Ferien 10 komplette Betten, sowie 16 Holzspinde angeschafft. Es wurden 2 Zimmer mit je vier Betten für die kameradschaftshauspflichtigen VbrVbr. eingerichtet. 2 Betten wurden in das Vorstandszimmer gestellt, das als Schlafraum für den Kameradschaftsführer und den Senior diente. Nachdem so während der Ferien der äußere Rahmen für den Kameradschaftsbetrieb geschaffen war, ging es mit frischem Mut in das WS, das uns so manchen "Kampf" gekostet hat.

Morgens um 6.30 Uhr allgemeines Wecken! Schlaftrunkene Gesichter, aus denen der Wunsch, noch weiter zu schlafen, sprach, vor Kälte zitternde Glieder, mit einer Turnhose bekleidet, so standen 10 Schwaben morgens um 6.35 Uhr im Garten, um den offiziellen Frühsport zu treiben. Zuerst leichter Lauf bis zur Hälfte des Venusberges, dann beim Schein einer Straßenlaterne Körperschule! Auf dem Rückweg wird ein Lied aus voller Kehle angestimmt. Auf dem Hause angekommen: Wegtreten und Waschen! Die Morgenwäsche ist primitiv: 4 kleine Waschschüsseln stehen uns in der Waschküche zur Verfügung. Ein Teil der Kameraden baut zuerst die Betten, dann ist Ablösung. Um 7.30 Uhr treffen sich die Schwaben beim Morgenkaffee. Jeder bringt seine "Freßkiste" mit, und ein eifriges Futtern beginnt. Ist einem der VbrVbr die Kiste ausgegangen, so hilft ihm ein anderer aus. Echter Kameradschaftsgeist herrscht. Nach dem Kaffeetrinken stieben alle auseinander, um ihrem Studium nachzugehen. Um 13 Uhr kommen alle wieder auf das Haus. Im Spielzimmer und auf dem Paukboden werden große Schlachten geschlagen. Um 13.20 Uhr ertönt der Gong zum Mittagessen. Dreimal in der Woche gibt es Eintopfgericht. Nach dem Essen ist Zeit zum Arbeiten. Einmal in der Woche haben wir einen Kameradschaftsabend, auf dem die VbrVbr. aus ihren Pennälerjahren, von ihren Fahrten und Streichen erzählen, wozu wir muntere Lieder singen. Ein anderer Abend der Woche ist der politischen Schulung gewidmet, zu dem ein Vbr. ein Thema der Innen- oder Außenpolitik ausgearbeitet hat. Am Ende der Woche hält nach dem Mittagessen ein Vbr. einen kurzen Wochenbericht über die politischen Ereignisse der Woche. Zwei Abende sind von SA.-Dienst ausgefüllt, so daß noch ein Abend für einen B.R. und einen O.C. freibleibt. Einen freibleibenden Abend der Woche kann jeder nach seinem Belieben verbringen, wenn keine altgewohnte Kneipe im Hähnchen angesetzt ist. Um 11 Uhr liegt jeder in seiner Koje, denn in aller Frühe heißt es wieder: aus den Betten!"

Entsprechend berichtet Horst Kuhn (Lex) im Gothenheft Nr. 24, daß nunmehr 18 statt 11 VbrVbr. auf dem umgebauten Haus wohnen, davon 9 im streng reglementierten Kameradschaftsheim. Weiter beklagt er sich über den unregelmäßigen SA.-Dienst, unter dem der Korporationsbetrieb leidet. Dieser Dienst wurde dann aber anders geregelt, so daß die Verbindung ihre Zeit besser einteilen konnte. Der Zustand der Koexistenz währte aber nicht lange.

Das Ende von Gothia und Suevia

Im September 1935 verbot der Reichsjugendführer Baldur von Schirach allen Mitgliedern der HJ die Zugehörigkeit zu einer Korporation, ein gleiches Verbot erging vom NSDStB und anderen NS-Organsisationen, so daß zu Beginn des WS 35/36 in Bonn nur noch wenige Korporationen bestanden. Schließlich untersagte der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, am 16.3.1936 allen studentischen Angehörigen der NSDAP die Mitgliedschaft in einer Korporation.

Otto Kuhlbars (Lord), Sprecher der Gothia, schreibt im letzten Semesterbericht der Aktivitas am 19.2.1936: "Hochschulpolitisch stand das Semester im Zeichen des Kampfes gegen die Korporationen. Noch in den Ferien löste sich der ATB auf und stellte seinen Verbindungen anheim, sich dem NSDStB. anzuschließen. Auf einem AOAH-Tag, am 2.11.35, beschlossen wir dieses zu tun. Unter gewissen Bedingungen waren wir bereit, die Aktivitas und das Haus dem NSDStB. zur Bildung einer Kameradschaft zur Verfügung zu stellen. Die Verhandlungen hierüber zogen sich bis in den Februar hin und wurden schließlich gegenstandslos, als in München bestimmt wurde, daß es nicht möglich ist, daß Korporationen geschlossen in den NSDStB. eintreten und dort eine eigene Kameradschaft bilden. Wir blieben also ATV Gothia." Er berichtet dann über den Semesterverlauf und daß trotz Keilverbots noch 6 Kraßfüchse aktiv wurden und schließt, ohne das sonst übliche "Heil Hitler" mit den Worten: "In dieser umwertenden Zeit wünsche ich unserer lieben Gothia das Beste. Möge sie den rechten Weg für die Zukunft finden". Im gleichen Sinne äußerten sich alle anderen Chargen.

Am 21 . Februar 1936 Iöste sich die Gothia offiziell auf. Im Sommer war das Verbindungshaus jedoch noch vollbelegt. Die Aktivitas wohnte dort weiter, sie nannte sich "mit Galgenhumor die Picknapfgemeinschaft Bonn" der "hier herumvegetierenden Con-Arier altgothischer Abstammung", die zusammen "wohnen, essen und - last not least - rudern" (Plisch-Vogels). Aber auch diese Galgenfrist der Gothia war zuende, als das Haus Quantiusstraße Ende 1936 günstig an die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands verkauft wurde. - Die Suevia hielt einige Monate länger aus, sie stellte ihren Verbindungsbetrieb nach dem Stiftungsfest Mitte Juni 1936 ein. Das Haus wurde kurz darauf ebenfalls verkauft.

Die Altherrenverbände jedoch bestanden weiter, über den Krieg hinaus. Die alten Bonner Gothen änderten laut Mitteilungsblatt ihre Satzung, da das Ziel der Unterstützung einer Aktivitas weggefallen war und nur im wesentlichen die Unterhaltung des Bootshauses blieb. Beide Altherrenschaften wandten sich einer neuen Aufgabe zu, der Unterstützung der Kameradschaft Blücher.

Die Kameradschaft Blücher

Über die Entwicklung der "Kameradschaft Blücher" heißt es 1939 im vorletzten Gothenheft Nr. 33 und gleichlautend 1939 im Blücherheft Nr. 1.

"Die Kameradschaft "Blücher" ist eine der ältesten in Bonn bestehenden Kameradschaften des NSDStB. Sie wurde auf Befehl des damaligen Studentenführers Karl Kracke im SS 1936 unter dem Namen "Kameradschaft Fest- und Feiergestaltung" aufgestellt. Dieser Name zeigte bereits die Aufgabe, die der Kameradschaft unter ihrem damaligen Kameradschaftsführer Erich Bernhardt im Rahmen des Bonner Studentenbundes zugefallen war. Sie beteiligte sich durch die Gestaltung von Veranstaltungen und Feiern im NSDStB, in der Partei und in anderen Formationen eifrig an der Arbeit des NSDStB und half durch ihre Arbeit sein Ansehen und seine eigene innere Kraft zu stärken. ... Der Nachfolger des Kam. Bernhardt in der Führung war Kam. Franz Josef Leyens. Der von ihm geführten Kameradschaft gab der nächste Bonner Studentenführer Kam. Pradt den Namen des greisen Generalfeldmarschalls der Befreiungskriege, "Blücher". Dieser Name ist auch bei dem Reichsstudentenführer für die Kameradschaft beantragt. Wir erwarten in der nächsten Zeit die endgültige Verleihung dieses Namens.

Bis zum SS 38 waren wir bei der Kameradschaft E.M. Arndt auf dem früheren Salierhause <Argelanderstr. 156> zu Gast. Seit dem WS 38/39 wohnen wir mit 18 Mann auf dem früheren Stammhause der Studentenführung <Lennestr. 24>, das uns allerdings nicht selbst gehört, sondern nur für zwei Semester zur Verfügung gestellt ist. Wir hoffen, daß es uns bis dahin gelingt, ein eigenes Haus zu erwerben.

Seit dem vorigen Semester hat die Kameradschaft auch die Zusammenarbeit mit ihrer Altherrenschaft, den Mitgliedern der Alten Bonner Gothen, die sich dem NS-Altherrenbund der Deutschen Studenten angeschlossen haben, aufgenommen. Rückblickend kann man bereits heute feststellen, daß diese Zusammenarbeit sich nicht nur auf ein gemeinsames Feiern der verschiedenen Feste beschränkte, sondern darüber hinaus zu einer Herstellung herzlicher persönlicher Beziehungen führte, die in Zukunft hoffentlich noch stärker werden. ... Wir freuen uns ganz besonders, daß die ehemaligen Bonner Schwaben nunmehr den Entschluß gefaßt haben, sich uns anzuschließen, und hoffen, daß die ehemaligen Bonner Sugambrer diesem Beispiele bald folgen werden. ... Es darf einfach nicht sein, daß so wertvolle Kräfte, wie sie in den verschiedenen Vereinigungen des Altakademikertums vereinigt waren und sind, für die Mitarbeit am Neuaufbau des Deutschen Studententums verloren gehen.,, Der Artikel schließt mit den Zeilen eines NS-Liedes, die man als Lied der Kameradschaft Blücher ansehen kann: "Vorwärts, vorwärts, schmettern die hellen Fanfaren/vorwärts, vorwärts, die Jugend kennt keine Gefahren./Deutschland, Du wirst leuchtend stehen,/ mögen sie auch untergehen. Vorwärts, vorwärts, schmettern die hellen Fanfaren/vorwärts, vorwärts, die Jugend kennt keine Gefahren./Ist das Ziel auch noch so hoch,/Jugend zwingt es doch!"

Der AHV der Gothia übernahm also im SS 1938 die Betreuung der Jung- und Altkameraden der Kameradschaft "Blücher". Es waren anfangs 75 von den 266 AHAH, die jetzt die AH-schaft der Blücher bildeten, indem sie dem NS-Altherrenbund (NS-Studentenkampfhilfe) beitraten. Sie übergaben das Bootshaus der Gothia am 11.6.1938 als Kameradschaftshaus bei einer gemeinsamen Feier mit Gothen und Schwaben. Das Vorhaben, eine AH-schaft Blücher aus den AHVen Gothia, Suevia, Sugambria und Makaria zu bilden, kam nicht zustande. Als eine Verordnung des Reichsstudentenführers androhte, die AHVen als staatsfeindlich aufzulösen, wenn nicht mindestens 60 % der AHAH der Kampfhilfe beiträten, schlossen sich 1940 der größte Teil der alten Gothen und genügend alte Schwaben dieser an. Damit waren die AHAH beider Korporationen erstmals vereinigt. Wilhelm Weck v. Suffi (Suevia) schreibt hierzu am 5.1.1943: "Der Artikel von Grüne-Ohm, daß nunmehr die Alten Herren als Alte Herren der Kameradschaft Blücher, gelten, ist der richtige Weg, die Alten Herren der Gothen und Schwaben zusammenzuschweißen."

Im März 1940 erscheint als Heft 34 das letzte AH-Rundschreiben der Gothia. Nunmehr wird der Kontakt bis 1944 notdürftig über acht Mitteilungsblätter der Kameradschaft und Altherrenschaft Blücher aufrechterhalten. Mit Beginn des Krieges gab es immer noch einige Studenten, die an der Uni Vorlesungen, jetzt trimestermäßig, besuchen konnten, z.T. waren sie für kurze Zeit vom Wehrdienst beurlaubt. Im SS 1943 mußte die Kameradschaft ihren Betrieb jedoch ganz einstellen: alle Kameraden waren eingezogen. Es fielen oder starben durch Kriegseinwirkung im Zweiten Weltkrieg: von der Gothia 39, von der Suevia 21 und von der Blücher 9 Verbindungsbrüder. Bei der Kameradschaft dürfte die Zahl jedoch wesentlich höher liegen, da nur ein kleiner Teil der über 100 namentlich bekannten Kameraden nach dem Krieg wieder auffindbar war.

Es war ein weiter, äußerst schwieriger Weg, die durch den Krieg zerstörten Kontakte wieder herzustellen und die Mitglieder zu sammeln. Wir wollen denen dankbar sein, die diese Mühe auf sich genommen haben. Der Erfolg war 1951 die Gründung der ATV Gothia-Suevia.

Veranstaltungen

Sonntag, 08.08., 11:00 Uhr

Wandern:
Wandern von Heimersheim nach Bad ...mehr :: 2 Teilnehmer

Samstag, 04.09., 14:00 Uhr

Rudern:
Clubregatta der Bonner Ruder- Gesellschaft ...mehr :: 0 Teilnehmer

Sonntag, 05.09., 09:00 Uhr

Wandern:
Generalanzeiger-Wanderung von Schloss Allner nach ...mehr :: 6 Teilnehmer
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